Arbeitszeit in Apotheken: Zwischen festen Strukturen und unsichtbarer Mehrarbeit
Überstunden, die nirgends auftauchen, unvollständige Zeiterfassung und tarifliche Vorgaben, die oft nur auf dem Papier existieren: Eine ADEXA-Umfrage bringt erhebliche Defizite im Arbeitsalltag vieler öffentlicher Apotheken zutage.
ADEXA fordert seit Jahren eine verlässliche Arbeitszeiterfassung sowie einen fairen Umgang mit Überstunden und Mehrarbeit. Wie die Realität in den öffentlichen Apotheken tatsächlich aussieht, zeigt eine Umfrage unter 1.123 Angestellten. Sie hat ergeben, dass zwischen offiziell dokumentierter Arbeitszeit und der tatsächlich geleisteten Arbeit in vielen Betrieben eine deutliche Lücke besteht. Gleichzeitig berichten zahlreiche Teilnehmende von Defiziten bei der Arbeitszeiterfassung und der Umsetzung tariflicher Regelungen.
Für die folgende Auswertung wurden die Prozentwerte jeweils auf die Zahl der tatsächlich Antwortenden bezogen. Da nicht alle Teilnehmenden jede Frage beantworteten und einige Fragen nur bestimmten Personengruppen angezeigt wurden, variiert die Zahl der Antwortenden je nach Fragestellung.
Arbeitszeiten: Planungssicherheit in vielen Apotheken
Viele Angestellte verfügen über eine gewisse Planungssicherheit. Die entsprechende Frage wurde von 1.094 Personen beantwortet; Mehrfachantworten waren möglich. Von diesen geben 782 Personen (71,5 Prozent) an, feste Arbeitszeiten zu haben. Gleichzeitig berichten 341 Personen (31,2 Prozent) von häufigen, teils kurzfristigen Änderungen der Dienstpläne. Ebenfalls 341 Befragte (31,2 Prozent) erhalten ihren Dienstplan mit einem Vorlauf von 14 Tagen.
Positiv fällt auf, dass persönliche Wünsche häufig berücksichtigt werden. 710 Antwortende (64,9 Prozent) geben an, dass ihre Anliegen bei der Dienstplanung meist Berücksichtigung finden. Lediglich 49 Personen (4,5 Prozent) berichten, dass auf ihre Wünsche kaum Rücksicht genommen wird.
Zeiterfassung: Teils große Defizite
Große Unterschiede zeigen sich bei der Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeit. Von 1.085 Antwortenden geben 544 Personen (50,1 Prozent) an, dass ihre Arbeitszeit von der Apothekenleitung erfasst wird. 541 Personen (49,9 Prozent) berichten hingegen, dass dies in ihrem Betrieb nicht geschieht.
Wo Arbeitszeiten erfasst werden, setzt ein großer Teil der Apotheken inzwischen auf digitale Lösungen, etwa spezielle Softwarelösungen wie MEP24 oder Apocollect. Papierbasierte Verfahren und klassische Stempelkarten kommen zwar weiterhin vor, spielen aber eine deutlich geringere Rolle. Excel-Tabellen und andere Standardprogramme werden noch seltener genutzt. Allerdings haben sich zu dieser Frage nur wenige Mitarbeitende geäußert, sodass sich daraus kein repräsentatives Bild ableiten lässt.
Vor- und Nacharbeiten: Nicht immer werden alle Zeiten erfasst
Doch selbst dort, wo Arbeitszeiten dokumentiert werden, werden bestimmte Tätigkeiten offenbar häufig nicht berücksichtigt. Besonders kritisch bewerten viele der Befragten den Umgang mit sogenannten Vor- und Nacharbeiten. Dazu zählen Tätigkeiten wie das Hochfahren der Computer, die Vorbereitung der Arbeitsplätze oder der Kassenabschluss nach Ladenschluss.
Von 528 Antwortenden geben lediglich 204 Personen (38,6 Prozent) an, dass diese Zeiten erfasst werden. Dagegen berichten 258 Personen (48,9 Prozent), dass dies in ihrer Apotheke nicht der Fall ist. Für 66 Befragte (12,5 Prozent) trifft die Frage nach eigener Aussage nicht zu.
Fortbildungen und Besprechungen: Uneinheitliche Praxis
Auch bei verpflichtenden Fortbildungen ergibt sich kein einheitliches Bild. Von 520 Antwortenden geben 370 Personen (71,2 Prozent) an, dass angeordnete Fortbildungen bei der Arbeitszeiterfassung berücksichtigt werden. 98 Befragte (18,8 Prozent) berichten, dass dies nicht geschieht. Für 52 Personen (10,0 Prozent) trifft die Frage nicht zu.
Etwas positiver fällt das Ergebnis bei Teambesprechungen aus. Von 508 Antwortenden geben 409 Personen (80,5 Prozent) an, dass die dafür aufgewendete Zeit erfasst wird. Allerdings sagen 57 Befragte (11,2 Prozent), dass Besprechungen in ihrer Apotheke nicht bei der Arbeitszeit berücksichtigt werden. Für 42 Personen (8,3 Prozent) trifft dies nicht zu.
Wer nutzt ein Jahresarbeitszeitkonto?
Zu den Jahresarbeitszeitkonten äußerten sich 1.055 Personen. 496 Befragte (47,0 Prozent) geben an, über ein solches Konto zu verfügen. 559 Personen (53,0 Prozent) verneinen dies. Viele Apotheken arbeiten demnach weiterhin nach klassischen Arbeitszeitmodellen.
Überstunden werden meist mit Freizeit ausgeglichen
Besonders relevant wird die Frage der Arbeitszeitorganisation, wenn zusätzliche Arbeitsstunden anfallen. Die Frage wurde von insgesamt 1.200 Personen beantwortet, Mehrfachantworten waren möglich.
972 Teilnehmende (81,0 Prozent) geben an, dass zusätzliche Arbeitsstunden üblicherweise durch Freizeitausgleich kompensiert werden. 169 Personen (14,1 Prozent) erhalten eine finanzielle Vergütung. Aus Sicht von ADEXA besonders problematisch: 32 Befragte (2,7 Prozent) berichten, überhaupt keinen Ausgleich für geleistete Überstunden zu erhalten. Weitere 27 Personen (2,2 Prozent) geben an, dass die Frage auf sie nicht zutrifft.
Mehrarbeitszuschläge kommen kaum an
Noch kritischer fällt das Bild bei tariflichen Zuschlägen für Mehrarbeit aus. Von 1.048 Antwortenden geben lediglich 60 Personen (5,7 Prozent) an, dass entsprechende Zuschläge nach § 8 BRTV in ihrer Apotheke tatsächlich gezahlt werden. Demgegenüber berichten 708 Befragte (67,6 Prozent), keine Mehrarbeitszuschläge zu erhalten. Für 280 Personen (26,7 Prozent) trifft die Regelung nach eigener Aussage nicht zu.
Viele Überstunden, wenig Transparenz
Ein Fazit: Während Dienstplanung und Teamabsprachen vielerorts vergleichsweise gut funktionieren, zeigen sich bei der Arbeitszeiterfassung und beim Umgang mit Mehrarbeit erhebliche Defizite. Rund die Hälfte der Antwortenden gibt an, dass ihre tatsächliche Arbeitszeit nicht erfasst wird. Vor- und Nacharbeiten bleiben häufig unberücksichtigt, tarifliche Mehrarbeitszuschläge kommen nur selten an. Die Ergebnisse legen nahe, dass zwischen offizieller Arbeitszeit und tatsächlicher Belastung weiterhin eine große Lücke besteht.
Wer geantwortet hat
Die Umfrage basiert auf 1.123 Datensätzen, ist jedoch nicht repräsentativ. Die größte Gruppe der Teilnehmenden waren PTA mit 523 Personen (46,6 Prozent). Apotheker stellen mit 312 Personen (27,8 Prozent) die zweitgrößte Gruppe. PKA und verwandte Berufsgruppen waren mit 126 Personen (11,2 Prozent) vertreten.
Altersmäßig dominierten die Gruppen der 50- bis 59-Jährigen mit 320 Personen (28,5 Prozent) sowie der 40- bis 49-Jährigen mit 297 Personen (26,5 Prozent). Regional kamen besonders viele Antworten aus Bayern (167 Personen), Nordrhein (134 Personen), Westfalen-Lippe (132 Personen) und Baden-Württemberg (129 Personen).
Der Beitrag und die Grafiken wurden am 26. Juni 2026 aktualisiert.





