Bildungschancen: Oft entscheidet Herkunft statt Talent, wer aufs Gymnasium geht

Ob ein Kind das Gymnasium besucht, hängt in Deutschland weniger vom Talent als von Herkunft ab. Der neue Chancenmonitor zeigt drastische Unterschiede – und eine überraschende Verlierergruppe: Jungen.
Hierzulande entscheidet nicht allein die Leistung über Bildungschancen. Die Entscheidung, wer auf ein Gymnasium geht, wird in hohem Maße durch das Elternhaus bestimmt – durch Bildung, Einkommen und soziale Lage. Das zeigt der aktuelle Chancenmonitor des ifo Instituts.
Ein starkes Ungleichgewicht
Während rund 17 Prozent aller Kinder aus einkommensschwachen Familien ohne akademischen Hintergrund ein Gymnasium besuchen, sind es bei privilegierten Familien über 80 Prozent. Es liegen Welten zwischen den Startbedingungen – und das in einem Bildungssystem, das Chancengleichheit verspricht.
Diese Ungleichheit hat sich in den vergangenen Jahren nicht verringert. Im Gegenteil: Die Daten deuten darauf hin, dass sich die Kluft weiter verfestigt hat. Bildung wird zum Spiegel sozialer Unterschiede. Wer unten startet, bleibt häufiger unten.
Jungen geraten ins Hintertreffen
Neben der sozialen Herkunft rückt ein zweiter Faktor stärker in den Fokus: das Geschlecht. Anders als in früheren Studien sind heute nicht mehr Mädchen benachteiligt, sondern Jungen.
Nur 36,9 Prozent aller Jungen besuchen ein Gymnasium, gegenüber 43,5 Prozent aller Mädchen. Dieser Abstand zeigt sich in allen sozialen Gruppen und wächst mit dem Alter sogar weiter.
Was sich ändern müsste
Die Studienautoren sehen aufgrund ihrer Ergebnisse stärkeren Handlungsbedarf denn je. Frühkindliche Förderung, gezielte Unterstützung benachteiligter Familien und eine bessere Ausstattung von Schulen könnten die soziale Kluft verringern.
Für Jungen braucht es laut Studie zusätzliche Maßnahmen: mehr männliche Vorbilder im Bildungssystem, gezielte Leseförderung und ein bewussterer Umgang mit Geschlechterstereotypen.
Denn klar ist: Bildungschancen dürfen nicht vom Elternhaus oder vom Geschlecht abhängen. Doch das ist momentan in Deutschland die Realität.
Methodik
Der Chancenmonitor basiert auf dem Mikrozensus 2022, sprich der größten repräsentativen Haushaltsbefragung in Deutschland. Analysiert wurden Daten von rund 67.800 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren.
Die Forschenden haben die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, definiert als aktueller Gymnasialbesuch, bereits erworbenes Abitur oder Universitätsbesuch, als Indikator herangezogen.
Zur Einordnung der sozialen Herkunft wurden vier Merkmale kombiniert: der Bildungsstand der Eltern, das Haushaltseinkommen, ein möglicher Migrationshintergrund und ein etwaig alleinerziehendes Elternteil.
mvdh
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