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Fachkräftemangel teils hausgemacht: Wie Firmen ihre Personalnot selbst verschärfen

Schlechter Lohn, fehlende Weiterbildung, hohe Belastung – die Ursachen für Personalmangel liegt teilweise auch in Betrieben. Apotheken bilden keine Ausnahme. Eine neue WSI-Studie zeigt, welche Fehler Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber machen. 

Der Fachkräftemangel gilt als eines der drängendsten Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Öffentliche Apotheken sind besonders stark betroffen, doch generell leiden etliche Branchen darunter, keine Mitarbeitenden zu finden. Eine neue Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung geht den Ursachen auf den Grund, mit überraschendem Ergebnis. 

Schlechte Bedingungen schrecken Bewerber ab

Laut WSI-Betriebs- und Personalrätebefragung 2023 berichten 92 Prozent der betrieblichen Interessenvertretungen von Personalknappheit. In 83 Prozent der Fälle bleiben Stellen länger als drei Monate vakant. Auch in der parallel durchgeführten Befragung von Erwerbstätigen bestätigen 50 Prozent der Teilnehmenden, in einem Betrieb mit Personalengpässen zu arbeiten. 

Laut 89 Prozent der Betriebsrätinnen und Betriebsräte fehlen Bewerberinnen und Bewerbern. Doch mehr als die Hälfte nennt auch schlechte Arbeitskonditionen als Grund. Niedrige Löhne werden von 45 bis 47 Prozent als hinderlich für die Personalgewinnung gesehen, ungünstige Arbeitszeiten von 40 Prozent in der Privatwirtschaft und von 22 Prozent im öffentlichen Dienst. Auch fehlende Weiterbildungsangebote kritisieren rund 36 Prozent.

Personalabbau trotz leerer Stellen?

Ein besonders bemerkenswerter Befund der Studie: In 18 Prozent der von Personalengpässen betroffenen Betriebe baut die Unternehmensleitung gleichzeitig Stellen ab. Offenbar setzen manche Unternehmen lieber auf kurzfristige Einsparungen, statt bestehende Beschäftigte zu qualifizieren oder interne Potenziale zu nutzen. Dabei wäre gerade das ein zentraler Hebel, um dem Fachkräftemangel wirksam zu begegnen.

Mehr Arbeit, weniger Qualität

Denn die Folgen der Unterbesetzung sind gravierend. 93 Prozent der Interessenvertretungen berichten von zunehmender Mehrarbeit für das verbleibende Personal, über 60 Prozent von nicht umsetzbaren Betriebsplänen. Auch die Qualität leidet: Ein Viertel der befragten Beschäftigten nennt steigende Fehlzeiten, sinkende Arbeitsqualität und ein verschlechtertes Betriebsklima als direkte Folgen der Personalnot. 

Studienautorin Elke Ahlers warnt vor einem Teufelskreis: Personalmangel führt zu höherer Belastung – die wiederum zu noch mehr Ausfällen, Unzufriedenheit und Fluktuation.

Einige Betriebe reagieren rasch – viele zu spät

Doch es gibt auch Hoffnung: Rund ein Drittel der Unternehmen steuert aktiv gegen. Laut den Interessenvertretungen setzen diese Betriebe auf mehr Weiterbildung (73 Prozent), auf zusätzliche Ausbildungsplätze (59 Prozent) und auf flexiblere Arbeitsmodelle wie Homeoffice (70 Prozent) oder angepasste Arbeitszeiten (63 Prozent). Immerhin 36 Prozent bieten höhere Löhne und 29 Prozent senken die Anforderungen an Bewerberinnen bzw. Bewerber. 

Was wirklich helfen würde

Für die Expertinnen und Experten des WSI ist klar: Wer dem Fachkräftemangel begegnen will, muss langfristig denken. Vorausschauende Personalpolitik bedeute, in Menschen zu investieren – durch faire Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen und gezielte Qualifizierung, heißt es in der Studie. Zudem sei eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch verlässliche Kinderbetreuung und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen essenziell. Nur so lasse sich der Kreislauf aus Arbeitsverdichtung, Unzufriedenheit und Fachkräftemangel durchbrechen: eine Lehre auch für Apothekenleitungen. 

Michael van den Heuvel

Quelle

Elke Ahlers: Personalengpässe: Was tun Betriebe gegen den Fachkräftemangel? WSI-Report Nr. 103, April 2025