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Mehr Zeit oder mehr Geld? Wie Angestellte tarifliche Wahloptionen nutzen

Manche Tarifverträge bieten Beschäftigten die Möglichkeit, zwischen zusätzlichem Geld oder mehr freier Zeit zu wählen. Eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt jetzt: Für welche Option sie sich entscheiden, hängt stark von der Lebenssituation, vom Geschlecht und von betrieblichen Rahmenbedingungen ab.

Tarifliche Wahloptionen ermöglichen Angestellten, Leistungen entweder als zusätzliches Einkommen oder als zusätzliche freie Tage zu nutzen. Solche Modelle sollen den unterschiedlichen Lebenssituationen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern besser gerecht werden und mehr Flexibilität im Arbeitsleben schaffen. 

Eine aktuelle Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung ging der Frage nach, wie Beschäftigte diese Wahlmöglichkeiten tatsächlich nutzen – und welche Faktoren ihre Entscheidung beeinflussen.

Geld bleibt häufig die erste Wahl

Die meisten Angestellten entschieden sich laut Analyse weiterhin für die finanzielle Option: Rund 59 Prozent wählten die Auszahlung, etwa 35 Prozent zusätzliche freie Tage. Ein kleiner Teil nutzte die tarifliche Wahloption nicht oder machte keine Angabe.

Die Zahlen verdeutlichen, dass finanzielle Aspekte für Angestellte nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Zusätzliche tarifliche Leistungen werden häufig genutzt, um steigende Lebenshaltungskosten auszugleichen oder das Einkommen aufzubessern. Manche der Befragten verzichten aber bewusst auf einen Teil des Geldes, um mehr Zeit zur Verfügung zu haben.

Lebensphase und Familie beeinflussen die Entscheidung

Besonders deutlich wird der Wunsch nach mehr Freizeit bei Angestellten mit Kindern. Rund 45 Prozent entschieden sich für zusätzliche freie Tage, während es bei Beschäftigten ohne Kinder nur etwa 31 Prozent waren. Für viele Eltern ermöglicht zusätzliche Freizeit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – etwa für Betreuung, Organisation des Familienalltags oder gemeinsame Zeit mit den Kindern.

Auch zwischen den Geschlechtern gab es Unterschiede: Frauen wählen mit rund 41 Prozent deutlich häufiger zusätzliche Freizeit als Männer (etwa 30 Prozent). Die Studie sieht darin einen Hinweis auf weiterhin ungleich verteilte Sorgearbeit. Frauen übernehmen im Durchschnitt nach wie vor einen größeren Anteil an familiären Aufgaben, was den Wunsch nach mehr Freizeit verstärken kann.

Betriebliche Rahmenbedingungen spielen eine wichtige Rolle

Neben den Lebensumständen beeinflussen Bedingungen im Betrieb die Nutzung tariflicher Wahloptionen. In Unternehmen mit flexiblen Arbeitszeitregelungen und ausreichender Personaldecke greifen Beschäftigte häufiger zur Option zusätzlicher Freizeit.

Anders sieht es in Firmen mit Personalmangel oder hohem Arbeitsdruck aus. In solchen Betrieben fällt es Beschäftigten oft schwerer, zusätzliche freie Tage tatsächlich zu nutzen. In der Folge entscheiden sie sich häufiger für die Auszahlung der tariflichen Leistung.

Die Autoren der Studie betonen deshalb, dass tarifliche Wahloptionen ihr Potenzial nur dann voll entfalten, wenn sie von passenden betrieblichen Strukturen begleitet werden. Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle, ausreichende Personalressourcen und eine Unternehmenskultur, die individuelle Arbeitszeitwünsche unterstützt.

Zeit wird für viele Beschäftigte zu einer zentralen Ressource

Vor dem Hintergrund aktueller politischer Debatten über Arbeitszeiten gewinnt die Studie an Bedeutung. Sie zeigt, dass für viele Beschäftigte nicht nur Einkommen, sondern auch Zeit eine zentrale Rolle spielt. Gerade in bestimmten Lebensphasen – etwa während der Familiengründung – kann zusätzliche Freizeit einen hohen Wert haben.

Tarifliche Wahlmodelle, die eine flexible Entscheidung zwischen Geld und Freizeit ermöglichen, könnten ein wichtiges Instrument für eine lebensphasenorientierte Arbeitszeitpolitik sein. Sie bieten Beschäftigten die Möglichkeit, ihre Arbeitsbedingungen stärker an persönliche Bedürfnisse anzupassen – und damit Arbeit und Privatleben besser miteinander zu vereinbaren.

Michael van den Heuvel

Quelle:

WSI Policy Brief Nr. 94 (2026): Tarifliche Wahloptionen zwischen Geld und Freizeit – Nutzung und Einflussfaktoren. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, online