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Plädoyer für gute Arbeit: Einkommensunterschiede schwächen Vertrauen in Staat und Demokratie

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter – und das hat schwerwiegende Folgen. Neue Daten zeigen, dass wachsende soziale Ungleichheit nicht nur materielle Lebenslagen verschärft, sondern das Vertrauen in demokratische Institutionen erodiert.

Die Einkommensungleichheit in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Darauf weist der aktuelle Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hin.

Grundlage der Arbeit sind unter anderem Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer Langzeitstudie zu Einkommen und Lebenslagen. Sie zeigen, dass der Gini-Koeffizient als wichtigstes Maß für Einkommensungleichheit zwischen 2018 und 2022 um gut sechs Prozent angestiegen ist: der höchste Stand seit Beginn der Erhebung in den 1980er-Jahren. Zwar führt der Mindestlohn zu positiven Effekten. Doch viele Menschen mit niedrigen Einkommen konnten am wirtschaftlichen Wachstum der vergangenen Dekade kaum teilhaben.

Die Armut nimmt zu, die Mitte gerät unter Druck

Besonders deutlich wird die Entwicklung am unteren Rand der Einkommensverteilung. Der Anteil der Menschen, die als einkommensarm gelten, also weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist seit 2010 merklich gestiegen. Noch stärker wuchs die „strenge Armut“ unterhalb von 50 Prozent des Medians (siehe Tabelle 1).

Gleichzeitig schrumpft die untere Mittelschicht. Viele Haushalte schaffen den Aufstieg nicht, sondern rutschen weiter ab. Am oberen Ende der Verteilung bleibt die Lage vergleichsweise stabil: Hohe Einkommen sind deutlich seltener betroffen, ökonomisch abzurutschen. 

Tabelle 1: Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland

Indikator20102022
Armutsquote (< 60 % Median)14,4 %17,7 %
Strenge Armut (< 50 % Median)7,9 %11,8 %
Untere Mitte (60-100 %)35,6 %32,3 %
Obere Mitte (100-200 %)~42 %~42 %
Einkommensreich (> 200 % Median)7,6 %7,2 %
Sehr einkommensreich (> 300 % Median)1,9 %2,0 %

Soziale Spaltung hat politische Folgen

Mit der wirtschaftlichen Ungleichheit wächst auch die gesellschaftliche Polarisierung: Menschen, die finanziellen Sorgen haben, äußern deutlich häufiger Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen wie der Regierung, Gerichten sowie der Polizei. Auch das Vertrauen in öffentlich-rechtliche Medien ist in unteren Einkommensgruppen spürbar geringer als bei Personen aus finanziell besser gestellten Haushalten. 

Finanzielle Unsicherheit geht oft mit Frustration und mit dem Gefühl einher, politisch nicht gehört zu werden. Das schwächt demokratische Bindungen und kann extreme politische Positionen begünstigen.

Gute Arbeit ist die Lösung

Um gegenzusteuern, sehen die Forschenden vor allem Handlungsbedarf bei guter, tariflich abgesicherter Beschäftigung, bei Qualifizierung und bei verlässlichen sozialen Sicherungssystemen. Ebenso wichtig sind Investitionen in öffentliche Infrastruktur und eine Steuerpolitik, die sehr hohe Einkommen und Vermögen stärker in die Verantwortung nimmt. 

Michael van den Heuvel 

Quelle

Spannagel, Dorothee (2025): Mehr Ungleichheit – weniger politische Teilhabe. WSI-Verteilungsbericht 2025. WSI Report Nr. 108, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.