Rente mit 70: Länger arbeiten – aber unter welchen Bedingungen?

Das Renteneintrittsalter könnte steigen. Nach Vorschlägen der Alterssicherungskommission soll es ab 2032 schrittweise an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Doch länger leben heißt nicht automatisch, länger gesund arbeiten zu können. Eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) liefert wichtige Hinweise – auch für Beschäftigte in Apotheken.
Wer in einer Apotheke arbeitet, kennt die Belastungen: viele Stunden auf den Beinen, konzentriertes Arbeiten, hoher Beratungsbedarf, Zeitdruck und schwere Lieferungen. Hinzu kommen Personalmangel, Bürokratie und die Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten. Die Vorstellung, diesen Arbeitsalltag bis in ein immer höheres Alter bewältigen zu müssen, wirft Fragen auf.
Mehr Lebensjahre sind nicht automatisch gesunde Jahre
Forschende der MHH haben jetzt untersucht, ob die gesundheitliche Entwicklung der Bevölkerung mit einer längeren Lebensarbeitszeit Schritt hält. Ihr Ergebnis fällt ernüchternd aus: Eine steigende Lebenserwartung bedeutet keineswegs automatisch mehr gesunde Jahre im Erwerbsleben.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Jüngeren. Zwischen 18 und 44 nimmt laut Studie die Zahl der Jahre in guter subjektiver Gesundheit besonders deutlich ab. Gleichzeitig treten Muskel-Skelett-Erkrankungen häufiger und früher auf. Als mögliche Ursachen nennen die Forschenden unter anderem Veränderungen der Arbeitswelt, etwa eine Verdichtung von Arbeitszeit und vielfältige Aufgaben bei zu wenigen Pausen.
Arbeitsbedingungen entscheiden mit
Das bedeutet: Wie lange jemand arbeiten kann, hängt nicht allein von der Lebenserwartung ab, sondern ebenso von den jeweiligen Arbeitsbedingungen. Wer über Jahrzehnte körperlich oder psychisch stark belastet ist, kann nicht automatisch länger arbeiten, nur weil das gesetzliche Rentenalter angehoben wird.
Die Studie zeigt zudem deutliche soziale Unterschiede: Menschen in Berufen mit hoher körperlicher oder psychosozialer Belastung können mit weniger gesunden Jahren im Erwerbsalter rechnen. Auch Bildungsniveau und finanzielle Situation spielen eine Rolle. Eine pauschale Verlängerung der Lebensarbeitszeit trifft Beschäftigte daher sehr unterschiedlich.
Prävention muss früher beginnen
Aus Sicht von ADEXA darf die Debatte deshalb nicht beim Renteneintrittsalter enden. Wer erwartet, dass Menschen länger arbeiten, muss Bedingungen schaffen, unter denen sie gesund bis zur Rente kommen können. Dazu gehören eine ausreichende Personalbesetzung, verlässliche Pausen, gesundheitsgerechte Arbeitsplätze und Arbeitszeiten sowie weniger dauerhafte Überlastung.
Auch die Studienautorinnen und -autoren fordern, Prävention nicht erst zu beginnen, wenn Beschäftigte bereits älter und gesundheitlich eingeschränkt sind. Gesundheitsschutz muss früh einsetzen und das gesamte Erwerbsleben begleiten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie lange sollen wir arbeiten? Sondern auch: Unter welchen Bedingungen können wir es?
Michael van den Heuvel
Quelle
Tetzlaff J, Mond L, Safieddine B, Sperlich S, Steffens S, Tetzlaff F: „Getting better or worse? How trends in healthy life expectancy within working age are shaped by diverging trends among age groups“. European Journal of Public Health, 2026; 36(3), ckag059. DOI: 10.1093/eurpub/ckag059.