Überraschende Daten: Warum viele Anspruchsberechtigte kein Bürgergeld beantragt haben

Etliche Menschen in Deutschland hätten Anspruch auf Bürgergeld, stellen aber keinen Antrag. Eine Langzeitstudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Entscheidend sind offenbar nicht nur Einkommen und Bildung, sondern auch frühere Erfahrungen mit dem Sozialsystem.
Dass viele Anspruchsberechtigte keine Sozialleistungen beantragen, ist seit Jahren bekannt. Fachleute sprechen vom sogenannten „Non-Take-Up“, also der Nichtinanspruchnahme staatlicher Hilfen. Für Deutschland lagen die Schätzungen beim früheren Arbeitslosengeld II – später Bürgergeld – bislang zwischen 37 und 56 Prozent.
Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersucht erstmals detailliert, wie sich langfristige Faktoren auf dieses Verhalten auswirken. Grundlage sind Daten der Langzeitstudie PASS sowie Verwaltungsdaten der Bundesagentur für Arbeit aus den Jahren 2008 bis 2020.
Frühere Erfahrungen beeinflussen das Verhalten
Die Ergebnisse zeigen: Wer bereits in der Vergangenheit Bürgergeld oder vergleichbare Leistungen bezogen hat, beantragt sie später mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut. Offenbar sinken durch frühere Erfahrungen bürokratische Hürden und Unsicherheiten.
Gleichzeitig kann eine stabile Einkommenssituation dazu führen, dass Menschen trotz bestehender Ansprüche keinen Antrag stellen. Haushalte mit ehemals höherem Einkommen verzichten öfter auf Leistungen – möglicherweise, weil sie auf Rücklagen zurückgreifen oder davon ausgehen, nur kurzfristig hilfebedürftig zu sein.
Auch Einkommensschocks spielen eine Rolle. Wer plötzlich weniger verdient, beantragt eher Unterstützung. Dagegen hatte die allgemeine Schwankung des Einkommens überraschenderweise keinen statistisch bedeutsamen Einfluss auf die Antragstellung.
Bürokratie und Stigmatisierung bleiben wichtige Faktoren
Die Forschenden betonen, dass die Entscheidung für oder gegen einen Antrag meist rational getroffen werde. Neben dem möglichen finanziellen Nutzen beeinflussen auch bürokratische Belastungen, Informationsdefizite und soziale Stigmatisierung die Entscheidung.
Besonders hoch war die Nichtinanspruchnahme bei bestimmten Gruppen – etwa Haushalten aus der allgemeinen Bevölkerungsstichprobe ohne frühere Sozialleistungserfahrung oder Personen, die sich selbst bereits als Rentner einordneten.
Relevanz für die Sozialpolitik
Die Studie zeigt, dass bisherige Modelle zur Erklärung der Nichtinanspruchnahme sozialer Leistungen unvollständig waren. Langfristige Faktoren wie frühere Leistungsbezüge oder Einkommensverläufe müssten künftig stärker berücksichtigt werden.
Für die Sozialpolitik – unabhängig vom Bürgergeld – könnten die Ergebnisse bedeuten, dass vereinfachte Antragsverfahren, bessere Beratung und weniger bürokratische Hürden entscheidend sind, um verdeckte Armut zu reduzieren.
Michael van den Heuvel
Literatur
Wiemers J. Non-Take-Up of Unemployment Benefit II in Germany: A Longitudinal Perspective Using Administrative Data. Institute for Employment Research (IAB), 2025. Online: https://arxiv.org/pdf/2508.21535

