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05. Oktober 2012

ADEXA-Gehaltsumfrage 2012: Starkes Ost-West-Gefälle bei den Gehältern

Trotz geltender Tarifverträge arbeiten Angestellte in manchen Kammerbezirken für weniger als den Tariflohn. Das hat eine Umfrage der Apothekengewerkschaft ADEXA ergeben. Große Unterschiede bestehen vor allem zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Kammerbezirken haben die Gelegenheit wahrgenommen, an einer Gehaltsumfrage von ADEXA teilzunehmen*. Das Ergebnis: teils drastische, regionale Unterschiede.

Häufig Tarifbindung im Westen

In Hamburg (6 %), Bremen (8 %), Bayern (9 %), Hessen (9 %) und Rheinland-Pfalz (9 %) erhält weniger als jede/r zehnte Apothekenangestellte ein untertarifliches Salär. Nordrhein (10 %), Schleswig-Holstein (12 %), Thüringen (12 %), Baden-Württemberg (13 %), das Saarland (13 %) und  Westfalen-Lippe (15 %) liegen im bundesweiten Mittelfeld.  Niedersachsen fällt hier mit 27 % Untertarif auf.

Niedrige Gehälter im Osten

Schlecht sieht es in Mecklenburg-Vorpommern (19 %), Brandenburg (38 %), Sachsen-Anhalt (49 %) und Sachsen (mehr als 60 % ohne Tarifgehalt) aus. „Dass in Sachsen die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bundesweit untertariflich bezahlt werden, ist keine neue – aber dennoch eine für die verantwortlichen Arbeitgeber beschämende – Tatsache“, sagt ADEXAs Zweite Vorsitzende Tanja Kratt. „Mehr als 60 % der Angestellten müssen sich hier mit Gehältern abfinden, die teilweise extrem unter dem Tarifniveau liegen.“ Daten aus Brandenburg sind ebenfalls interessant. Kratt: „Wir können kaum nachvollziehen, warum rund 40 % der Inhaber ihre Angestellten unter Tarif und weitere 40 % über Tarif entlohnen.“ Das gleiche Phänomen tritt in Mecklenburg-Vorpommern auf: Etwa 20 % der Kolleginnen und Kollegen erhalten weniger beziehungsweise mehr als das tariflich vereinbarte Gehalt. „Auffällig ist, dass Chefs in den meisten Kammerbezirken im Westen weitaus häufiger über als unter Tarif entlohnen, außer in Niedersachsen“, gibt Kratt zu bedenken. Im Osten sei genau die gegenläufige Entwicklung zu beobachten. „Thüringen ist die rühmliche Ausnahme.“

Michael van den Heuvel

 

Kommentar: Tarifliche und übertarifliche Zahlungen – eine Frage des Standorts?

Neue Statistiken bringen nur selten Überraschungen. Genau das ist jetzt bei der ADEXA-Gehaltsumfrage passiert. Eine derart deutliche Aufspaltung der Gehälter in Ost und West hätten wir nicht erwartet. Was steckt dahinter?

Natürlich drängt sich zuallererst die Vermutung auf, entsprechende Daten korrelieren mit der Umsatzverteilung öffentlicher Apotheken im jeweiligen Kammerbezirk. Dieser Verdacht entpuppte sich hier als Irrweg: Recherchiert man bei der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE Bund, siehe Quelle**) nach der Umsatzverteilung öffentlicher Apotheken, findet man detailliertes Zahlenmaterial. Der durchschnittliche Gesamtumsatz lag im Jahr 2010 bei 2,1 Millionen Euro pro Apotheke. Für 2011 hat die ABDA 1,9 Millionen Euro angegeben. Deshalb sollen etwas ältere Zahlen der GBE Bund zumindest als Anhaltspunkt dienen.

Bundesländer wie Bayern, Nordrhein oder Baden-Württemberg lagen hinsichtlich ihres Umsatzes unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Im Vergleich dazu befanden sich Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt deutlich über dieser Richtschnur. Damit scheidet diese Argumentation für magere Gehälter im Osten primär aus. Gerade bei Sachsen ist zu vermuten, dass Kolleginnen und Kollegen aus Prinzip kein tarifliches oder übertarifliches Entgelt bekommen. Schließlich gilt in diesem Kammerbezirk seit 15 Jahren ohne guten Grund kein Tarifvertrag mehr. Im benachbarten Sachsen-Anhalt findet der Tarifvertrag zwischen ADEXA und dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) zwar Anwendung. Dennoch erhält jede/r Zweite weniger als in diesem Vertrag vereinbart wurde.

Eine Sache muss Apothekenleitern auch im Osten Deutschlands langsam klar werden: Der Fachkräftemangel wird sich zuspitzen. Wie das Kölner Institut für Handelsforschung kürzlich berichtet hat, rechnen 58 Prozent aller Chefs mit Problemen, ApothekerInnen für die eigene Nachfolge zu finden. Bereits jetzt wird vielerorts händeringend pharmazeutisches Personal gesucht. Ein generelles Problem: Angestellte aller Berufsgruppen geben sich immer seltener mit einem ihrer Qualifikation nicht angemessenen Lohn zufrieden. Noch dazu werden in den nächsten Jahren viele PI und ApothekerassistentInnen in Ruhestand gehen – Berufsgruppen, die momentan in begrenztem Umfang Inhaber vertreten. Mit Nachwuchs ist bekanntlich nicht mehr zu rechnen, und die Zahl an Pharmaziestudierenden hat sich auch nicht rasant nach oben entwickelt. Es ist an der Zeit, aufzuwachen!

Tanja Kratt
ADEXA – Die Apothekengewerkschaft
Zweite Vorsitzende und Vorsitzende der Tarifkommission

Weitere Informationen

* Die Angaben beruhen auf einer Auswertung von 2.000 Datensätzen der aktuellen ADEXA-Gehaltsumfrage.
**Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Umsatz von Apotheken bis 2010. Weiter...

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