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03. April 2013

Aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung: Erneute Anpassung des Rentensystems erforderlich?

In einigen Jahren erreichen die ersten Arbeitnehmer geburtenstarker Jahrgänge das Rentenalter, während die Beitragszahler immer weniger werden. Die gesetzliche Rentenversicherung gerät neuerlich unter Druck. Wissenschaftler halten Anpassungen für dringend erforderlich, mahnen aber zur nachhaltigen Planung.

Sozioökonomen der Bertelsmann-Stiftung untersuchten, wie sich das Rentenniveau verändert, sobald die geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1970 den wohlverdienten Ruhestand antreten. Sie berücksichtigten auch demographische Faktoren. Dank der Fortschritte aus Pharmazie und Medizin steigt die Lebenserwartung voraussichtlich weiter, während nicht mit einer signifikanten Zunahme der Geburtenrate zu rechnen ist. Damit werden bis 2060 etwa 63 Prozent aller BürgerInnen 65 Jahre oder älter sein – ein langsamer, qualvoller Tod steht dem Rentensystem bevor. Momentan liegt der Anteil bei rund 30 Prozent. Mathematiker haben berechnet, dass die Beiträge im gleichen Zeitraum von 18,9 auf 27,2 Prozent steigen müssten, um 41,2 Prozent netto vor Steuern als Rente zu bekommen. Derzeit liegen die Ansprüche bei knapp 50 Prozent.

Lebensarbeitszeit anheben

Um das Rentenniveau zu halten, müssen Deutsche vielleicht ab 2030 bis zum 69. Lebensjahr arbeiten. Schon die Rente mit 67 führte aber bei Arbeitnehmern und Gewerkschaften zu Protesten. Das große Problem: Viele Betriebe, öffentliche Apotheken nicht ausgenommen, stellen lieber junge Mitarbeiter ein. Sie kosten weniger und leisten mehr, lautet die Milchmädchenrechnung. Bis alle Chefs erkannt haben, dass gerade in beratungsintensiven Branchen auch Kompetenz und Erfahrung zählen, kann es noch dauern. Umso absurder erscheint aus diesem Blickwinkel der aktuelle Lösungsansatz.

Bürgerversicherung einführen

Als weiteren Weg aus dem Dilemma empfehlen Wirtschaftsforscher eine Bürgerversicherung, sprich eine Versicherungspflicht auch für Selbständige und für Beamte. Damit ließe sich das steigende Beitragsniveau respektive Sinken der Renten stoppen. Nach aktueller Simulation läge der Beitragssatz nach diesem Modell 2060 bei 24,7 Prozent, der Rentenanspruch bei 50,8 Prozent.

Mehr Beschäftigung, mehr Qualifizierung

Allerdings sind damit noch längst nicht alle Potenziale ausgeschöpft. Generell bessere Qualifikationen sowie speziell bei Frauen eine höhere Erwerbstätigkeitsquote könnten der allgemeinen Entwicklung entgegenwirken. Das Recht auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab Mitte 2013 sei ein Schritt in die richtige Richtung, schreiben die Forscher. Künftig müsse nicht nur auf die Zahl entsprechender Angebote, sondern auch auf deren Qualität geachtet werden.

Konstruktionsfehler beheben

Trotz dieser Maßnahmenpakete verschieben sich demographische Probleme nur in die Zukunft, da keine generellen Schwächen des Rentensystems gelöst werden. Hier nennt die Studie fehlende Anreize, Kinder in die Welt zu setzen. Letztlich könnten nur signifikant mehr Geburten das Rentensystem nachhaltig stabilisieren. Als Lösung wären kinderbezogene Rentenansprüche denkbar, während kinderlose ArbeitnehmerInnen stärker als bisher privat vorzusorgen hätten.

Michael van den Heuvel

 

Weitere Informationen

Studie der Bertelsmann-Stiftung: http://bit.ly/WoW5Mj

Stellungnahme der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“: http://bit.ly/YWgdFj

 

Kommentar: Rentenlücke? Werden Sie jetzt aktiv!

Gegen demographische Tendenzen sind ArbeitnehmerInnen mehr oder minder machtlos. Das heißt aber nicht, dem Geschehen tatenlos zusehen zu müssen. ADEXA setzt hier auf die betriebliche Altersvorsorge: Tarifgebundene Kolleginnen und Kollegen bekommen dafür einen wochenstundenabhängigen Beitrag des Arbeitgebers. Nutzen sie die Möglichkeit, einen Teil ihres Arbeitsentgelts für die Rente umzuwandeln, gibt es zusätzlich einen Arbeitgeberzuschuss in Höhe der eingesparten Sozialversicherungsbeiträge. Das sind 20 Prozent des umgewandelten Betrags.

Dass der Staat Kindererziehung stärker in der gesetzlichen Rentenversicherung berücksichtigt, wäre aus unserer Sicht durchaus wünschenswert. Darauf verlassen sollten wir uns aber nicht. Immerhin bewegen wir uns langsam nach vorne; ab August haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Kita-Plätze.

Barbara Neusetzer
ADEXA – Die Apothekengewerkschaft
Erste Vorsitzende

 

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