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03. Oktober 2012

Blick über die Grenzen: Apotheken und die PTA in Ungarn

Einmal jährlich treffen sich Mitglieder der europäischen PTA-Vertretungen, um sich auszutauschen. Zwischen den Diskussionen und Gesprächen beim diesjährigen Meeting der European Association of Pharmacy Technicians (EAPT) in Budapest blieb noch Zeit, um zwei Apotheken vor Ort zu besuchen.

Vor elf Jahren hatte ich schon einmal die Gelegenheit, anlässlich eines Kongresses der ungarischen pharmazeutischen Facharbeiter die Apotheken vor Ort zu besichtigen. Und so konnte ich dieses Jahr feststellen: Es hat sich in der Zwischenzeit einiges geändert, leider nicht nur zum Positiven.

Vorübergehende Liberalisierung

Die ungarischen Kolleginnen und Kollegen haben eine sehr ereignisreiche Zeit hinter sich. Zunächst wurde 2007 eine Liberalisierung des Apothekenmarktes beschlossen und unter anderem Apothekenketten zugelassen. Damals entstanden rund 500 neue Apotheken. In Ungarn gab es zu dieser Zeit rund 2700 Apotheken und heute sind es ca. 3000 sowie etliche kleinere Verkaufsstellen mit abnehmender Tendenz. Die meisten der neuen Apotheken eröffneten in attraktiven Lagen und in den Städten, während die Apotheken auf dem Land dicht machten. Außerdem wurde der Verkauf von einigen OTC-Produkten in Drogeriemärkten und Tankstellen zugelassen.

Dann wurde 2011 die Liberalisierung zurückgenommen, da unter anderem der erwartete Preisrutsch nach unten bei den Arzneimitteln ausblieb. Momentan sind Neugründungen von Apotheken nur noch in ganz seltenen Fällen erlaubt, und für die Fremdbesitzapotheken (= Kettenapotheken) gibt es eine Übergangslösung bis 2017: Bis dahin muss der einzelne approbierte Apothekenleiter mindestens 51 % der Anteile an der jeweiligen Apotheke besitzen. Mehrbesitz ist nicht mehr möglich.

Aber auch die neueste Änderung ist umstritten, da zurzeit in vielen Apothekerkammern  immer mehr approbierte Angestellte der Ketten sitzen und fleißig Lobbyarbeit zu Gunsten der Apothekenketten betreiben.

Außerdem gibt es seit Mai 2012 einen neuen ungarischen Gesundheitsminister – und so sind sicherlich weitere Änderungen zu erwarten.

Interessenvertretung

Die Kolleginnen und Kollegen vom Verein der FacharbeiterInnen in ungarischen Apotheken vertreten die demokratischen und fachlichen Interessen der Assistenten in den Apotheken. 

Die wirtschaftliche Lage Ungarns und der ungarischen Apotheken, die extremen Leistungskürzungen im Gesundheitssystems (das bis zu 50 % der Ausgaben in den nächsten 2 Jahren reduzieren soll ) und das ganze Hin und Her machen Gehaltserhöhungen in der öffentlichen Apotheke so gut wie unmöglich. Dort muss jede Angestellte selbst für eine Gehaltserhöhung kämpfen. Eine Gewerkschaft, die ihnen zur Seite steht, gibt es nicht.

Für die PTA und alle anderen Angestellten im Krankenhaus und Gesundheitsbereich sind dagegen gerade Tarifverhandlungen abgeschlossen worden, mit einer Gehaltserhöhung von 10 %.

Aus- und Fortbildung

Auf Grund der Kostensenkungen wurde die PTA-Ausbildung auf das Nötigste reduziert; die Qualifikation der jüngeren Kollegen und Kolleginnen ist dadurch drastisch gesunken. Die Ausbildung dauert zwei Jahre für PTA, die hauptsächlich im „PKA“-Bereich und in Rezeptur und Labor tätig sind. Anschließend kann eine 1-jährige weiterführende Ausbildung angehängt werden, die es der PTA  erlaubt, auch Arzneimittel auf Rezept und OTC unter der Verantwortung eines Apothekers abzugeben.

Die ungarischen Kolleginnen vom Verein der FacharbeiterInnen versuchen, das Manko durch qualifizierte Weiterbildung für die Apothekenangestellten wettzumachen, aber auch das ist aus finanziellen Gründen mühsam.

In Ungarn gilt ein Punktesystem, ähnlich wie bei uns das freiwillige Fortbildungszertifikat der Apothekerkammern. Das Erreichen einer bestimmten Punktezahl ist Pflicht für eine Anstellung in einer Apotheke; allerdings werden auch diese Voraussetzungen teilweise ausgehebelt.

Es ist schon sehr bemerkenswert, dass die Kolleginnen und Kollegen neben all diesen Schwierigkeiten noch die Zeit und Muße hatten, unser diesjähriges Treffen zu organisieren.

Apotheken in Budapest

Das erste, was einem beim Betreten der Apotheke auffällt, sind die fehlende Sicht- und Freiwahl und die umfangreiche Rezeptur. In den älteren kleineren Apotheken gibt es keine Freiwahl, alles ist hinter Glas und kann nur zusammen mit den Angestellten angesehen und erworben werden, auch die Sichtwahl beschränkt sich auf wenige Artikel – ein krasser Gegensatz zu unseren Apotheken.

Allerdings sind seit der Liberalisierung des Apothekenmarktes und dem Einzug der Kettenapotheken auch einige große Apotheken entstanden, die im vorderen Bereich ein umfangreiches Drogeriesortiment haben und auch eine ausgebaute Frei- und Sichtwahl.

Der Blick in die Schubladen und Ziehschränke der ungarischen Apotheke zeigt uns nichts Neues, fast alle Packungen kommen uns bekannt vor, so dass wir, bis auf das riesige Sprachproblem, sofort anfangen könnten zu arbeiten.

Die Zuzahlungen zu den verschriebenen Arzneimitteln sind gestaffelt nach Indikation, zum Beispiel Hustensäfte 50 %, Präparate gegen Herzerkrankungen 10 %, und Rezepturen werden mit 10-20 % Zuzahlung veranschlagt. So werden von vielen Ärzten sehr viele Rezepturen verschrieben um die Patienten finanziell zu entlasten.

Der Blick ins Labor zeigt es sofort: Riesige Mengen an Hustensäften, Zäpfchen, Salben und Pulvern warten auf den Patienten. Dabei suchen wir die modernen Hilfsmittel wie Unguator oder Kapselfüllmaschinen vergebens – hier ist noch echte Handarbeit angesagt.

Die PTA in den ungarischen Apotheken sind zum größten Teil mit Defekturen und Rezepturen beschäftigt, denn in den HV dürfen sie ja nur mit einer Zusatzausbildung.

Besuch der Universitätsapotheke

Unsere nächste Station, die Universitätsapotheke, die unter anderem das Kinderkrankenhaus in Budapest beliefert und Pharmaziepraktikanten ausbildet, zeigt es ebenfalls: Auch hier ist noch die eigene Herstellung gefragt.

Die jüngeren Kolleginnen aus den anderen Ländern staunten nicht schlecht über die liebevolle Handarbeit, mit der die Kolleginnen dort die Antibiotikaverreibungen in Pulverschiffchen abfüllten und in Pulverbriefchen abfassten, die Tabletten mit einer veralteten Tablettiermaschine hergestellt wurden und gleich nebenan die Zäpfchen und Säfte in großen Mengen zubereitet wurden.

Uns ältere Kolleginnen und Kollegen erinnerte es an frühere Zeiten – und wir hätten auch hier gleich einsteigen können.

Dass der Sterilbereich ebenfalls an alte Zeiten erinnerte, fanden wir dann aber etwas erschreckend, aber anscheinend sind die ungarischen Kinder robuster oder unsere eher verweichlicht?

In Ungarn arbeiten?

So war der Blick in die ungarische Apothekenlandschaft für uns sehr interessant und aufschlussreich. Für eine deutsche PTA, die gern in Defektur und Rezeptur arbeitet und die ungarische Sprache beherrscht, wäre es relativ einfach, in Ungarn zu arbeiten. Allerdings sind die Gehälter wesentlich niedriger und meist unter dem ungarischen Durchschnitt; manche PTA hat am Abend noch einen Zweitjob in der Gastronomie, und die wirtschaftliche und politische Lage laden zur Zeit nicht gerade zum Auswandern nach Ungarn ein.

So stellt sich natürlich die Frage, wie langfristig der soziale Zusammenhalt und eine gerechte Verteilung in Europa erreicht werden kann. Unsere EAPT-Treffen und der Austausch sind ein klitzekleiner Schritt dahin und durch unsere Anwesenheit und die Unterstützung der ungarischen Kollegen und Kolleginnen haben wir unsere Solidarität gezeigt und ein Zeichen gesetzt.

Jutta Brielich
ADEXA - PTA für Europa

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