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11. Januar 2013

CDU-„Vorwahlkampf“ in Bremen: Das Ende der Zumutungen?

Am 9. Januar fand eine Diskussionsveranstaltung der Apothekerkammer Bremen zur künftigen Rolle der Apotheker mit dem gesundheitspolitischen Sprecher der CDU Jens Spahn statt, an der auch ADEXA-Vertreterinnen vom Bremer Landesvorstand teilnahmen. Dabei stand die Honorierung im Mittelpunkt sowie die Frage, wie die heilberufliche Kompetenz der Apotheker besser ins Gesundheitswesen eingebunden werden könne, um Effizienzverluste zu beseitigen.

Rund 40 TeilnehmerInnen, überwiegend selbstständige und angestellte Apotheker/innen, waren in die altehrwürdige Bremer Baumwollbörse gekommen, um mit Jens Spahn über die Probleme und Perspektiven der öffentlichen Apotheken zu diskutieren. Gut informiert und einfühlsam in den Zeitgeist der Apothekerseele moderierte Martin Busch (Radio Bremen) die Veranstaltung.

Spahn: „2013 ist kein Sparjahr“

Ähnlich wie Gesundheitsminister Daniel Bahr auf dem Deutschen Apothekertag in München konnte auch Spahn in seinem einführenden Statement rhetorisch überzeugen. Dass man den zugemuteten Sparbeitrag der Apotheker in den Jahren 2011 und 2012 nicht schönreden könne, gab der CDU-Politiker zu, aber „2013 sei kein Sparjahr mehr“. Die Rückkehr zum Niveau von 2010 sei daher auch kein Geschenk an eine vermeintliche Klientel, sondern die Rückkehr zum Ausgangsniveau. Allerdings erschwere die öffentliche Wahrnehmung, die noch immer an alten Vorstellungen bzgl. der Apotheker und Pharmaindustrie hänge, die politische Arbeit, so Spahn. Nach seiner Information laufen die Gespräche zum Kassenabschlag derzeit gar nicht so schlecht wie zuletzt vermutet. Wichtig sei, dass die Selbstverwaltung jetzt und künftig ohne eine Kaskade von Konfliktlösungsverfahren zu Ergebnissen komme – und dabei möglichst auch die laufenden Klagen gleich mit erledigt würden. Außerdem sei es nötig, die Finanzierung des Gesundheitssystems nachhaltig von den Lohnnebenkosten abzukoppeln, um weitere Spargesetze in konjunkturschwachen Zeiten zu vermeiden.

Ohne Rezepte geht es nicht

Neben der Honorierung war die flächendeckende Versorgung das zweite zentrale Thema von Spahns Ausführungen. Noch sei sie besser als in jedem anderen Land, doch stelle sich die Frage: Wie attraktiv bleibt der ländliche Raum? Der zahlenmäßige Rückgang betreffe alle fünf Berufsbilder, die früher in ländlichen Regionen wichtig gewesen seien: Lehrer, Pfarrer, Kaufmann, Arzt und Apotheker. Während bei den Medizinern durch das Versorgungsstrukturgesetz hier ein Lösungskonzept gestartet worden sei, ist diese Differenzierung bei den Apothekern noch nicht vorhanden. „Der beste Apotheker schafft es nicht ohne Rezept“. Der erste Schritt für die Apotheken sei hier die Notdienstpauschale, doch erweise sich dies in der Umsetzung schwieriger, als es klinge.

Die pharmazeutische Kompetenz besser nutzen

Anschließend ging Spahn auf die hohe Qualifikation der Apotheker ein: „Sie können viel, Sie wissen viel, das nutzen wir noch zu wenig“ – solche Töne waren sicher Balsam für manche Zuhörer. Auch die Honorierung knüpfe noch zuwenig an die Dienstleistungs- und Beratungstätigkeit an. Hier gab sich Spahn offen für Vorschläge von Apothekerseite und neugierig auf die Ergebnisse des ABDA/KBV-Modells in Sachsen. Auch Schwerpunktapotheken (HIV, Onkologie u. a.) seien künftig immer wichtiger. Aber: „Ich werde keinen Vorschlag machen!“ Ergänzende Honorierungsstrukturen, die sich nicht nur an der Abgabe einer Packung orientierten, seien Bringschuld der Apotheker, denn politische Vorschläge würden von den Pharmazeuten ohnehin nur zerrissen.

„Ich erwarte Entlastungen“

Inhaltlich gab es allerdings anschließend etliches an kritischen Repliken und Nachfragen aus dem Publikum. Das Spektrum reichte vom Gendiagnostikgesetz und der Prävention über der Abgabe der Pille danach mit standardisierter Beratung und Honorierung über die Verlängerung privater Rezepte durch die Apotheken bis zu den Retaxationen und dem Hilfsmittelgesetz.

„Wir haben Opfer gebracht – jetzt erwarte ich auch Entlastungen“, so ein selbstständiger Bremer Kollege. Und ein angestellter Apotheker schilderte Spahn, warum es in der Praxis fast unmöglich sei, den Versorgungsauftrag korrekt zu erfüllen. Überrascht zeigte sich der CDU-Politiker von der Nachricht, dass in Bremerhaven mittlerweile ein Drittel der Apotheken geschlossen worden sei. Zu den Belastungen durch die neue Apothekenbetriebsordnung stellte er klar: Diesen Schuh ziehe er sich nicht an.

Zum Abschluss erwähnte Spahn, dass ihm in der Vergangenheit in allen Bereichen des Gesundheitswesens große Frustration entgegengeschlagen sei. Das sei in der Tat bedenklich, doch wäre die Frage, inwiefern hier nicht auch eine Tradition der pessimistischen Befindlichkeit eine Rolle spiele.

Dr. Sigrid Joachimsthaler

 

Kommentar: Die Apotheker sind am Zug

Eigentlich kann man von der Politik gar nichts Besseres erwarten als diese Ansage: Bitte macht Euch selbst Gedanken über neue Strukturkomponenten für die  Honorierung – wir sind offen für Veränderungen. Und sorgt dafür, dass die Selbstverwaltung nicht wegen einer Dauerblockade vom Staat beschnitten werden muss – wir haben an solchen Reglementierungen kein Interesse.

Das setzt allerdings auf Seiten der Standesvertreter voraus, dass man die entsprechenden Konzepte rechtzeitig in demokratischen Prozessen entwickelt und dann auch gemeinsam gegenüber der Politik vertritt. Mit dem ABDA-/KBV-Modell ist das im ersten Schritt geglückt, auch wenn ein langer Atem nötig ist, um hoffentlich irgendwann dessen Effektivität spüren und messen zu können.

Um die flächendeckende Versorgung auch auf dem Land und in wenig attraktiven Stadtlagen zu erhalten, werden ähnlich innovative Ideen und Paradigmenwechsel erforderlich sein wie für die erfolgreiche Kooperation von Medizinern und Apothekern. Allein mit den 120 Millionen Euro für den Notdienst ergeben sich sicher nicht genügend Anreize, um Engpässe und Lücken zu vermeiden. Bei den Landärzten wurde dies mit einem Gesetz angegangen, dessen Erfolg oder Misserfolg nicht unerheblich ist für die wirtschaftliche Situation der Apotheker in deren Umfeld.

Spürbar verbessern muss sich in jedem Fall die finanzielle Situation der Apothekenangestellten und der anderen frauendominierten Gesundheitsberufe. Sonst wird Politikern wie Jens Spahn auch in den nächsten Jahren das große Maß an Frustration entgegenkommen, wie er es offenbar in den letzten Jahren von allen Seiten gespürt hat. Und falls die Union in der nächsten Legislaturperiode Verantwortung für den Gesundheitsbereich übernehmen sollte, ist zu hoffen, dass sie sich nicht an dem Motto orientiert, dass alles, was schlecht ist für die in Gesundheitsberufen Tätigen, gut für die Patienten sei.

Dr. Sigrid Joachimsthaler

 

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