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11. September 2013

Ein Urteil und mögliche Konsequenzen: „Apotheker als letztes fachliches Korrektiv“

Das Oberlandesgericht Köln hat ein Grundsatzurteil zur Umkehr der Beweislast gefällt, die außer für Mediziner auch für Apotheker gelten soll: „Wer einen groben Behandlungsfehler begeht, muss nachweisen, dass der Schaden nicht auf den Fehler zurückgeht“. Auch wenn das Urteil zur Revision beim Bundesgerichtshof zugelassen wurde, bietet es doch jetzt schon eine spannende berufspolitische Diskussionsgrundlage.

Zunächst ein Blick auf den Fall: Der betroffene Junge – er war mit einem Herzfehler und Down-Syndrom geboren worden –  sollte drei Monate nach der Geburt operiert werden. Für die Zeit bis dahin verordnete der Arzt digitalishaltige Medikamente. Versehentlich stellte die Praxis das Rezept aber in einer achtfach überhöhten Dosis aus. Es handelte sich um ein Präparat für Erwachsene, auf dem Kassenrezept stand wie üblich das Geburtsdatum des Patienten. Der Apotheker übersah den Fehler und gab das Medikament wie verordnet ab. Nach fünf Tagen erlitt der Junge einen Herzstillstand und musste 50 Minuten lang reanimiert werden. Fünf Jahre später wurden bei ihm eine Hirnschädigung und ein erheblicher Entwicklungsrückstand festgestellt. Mit der Klage verlangten die Eltern von Arzt und Apotheker gemeinsam ein Schmerzensgeld von mindestens 200.000 Euro.

Das Gericht hat dem heute siebenjährigen Jungen und seinen Eltern Schmerzensgeld zugestanden, dessen Höhe aber offen gelassen. In seiner Entscheidung begründet das OLG, dass das Zusammenwirken von Arzt, Apotheker und Medikament  sich in solchen Fällen nicht sinnvoll trennen lasse, so dass Arzt und Apotheker auch gemeinsam für den Fehler haften würden. Mit der Übertragung der Beweislast auch auf Apotheker hat das Gericht nach eigenen Angaben eine bislang offene Haftungsfrage geklärt.

Haftungsgemeinschaft von Arzt und Apotheker?

Um die Stellung des Pharmazeuten in diesem Rechtsstreit zu begreifen (in dem er haftet, weil er ein Rezept, das von einem  Arzt fehlerhaft ausgestellt wurde, bedient hat), muss man sich zunächst einmal mit den Grundsätzen der Haftung befassen.

Haftung bedeutet grundsätzlich, dass jemand für einen Schaden einstehen muss, für den er kraft Gesetzes oder Vertrages verantwortlich ist.

Die Konsequenz aus dem zweitinstanzlichen Urteil lautet: Wenn der Apotheker nicht die Verschreibung des Arztes mit eigenem Sachverstand überprüft, wird er mitverantwortlich gemacht und haftet gemeinschaftlich mit dem Arzt für entstehende Schäden. Und er trägt mit diesem die Beweislast, dass die Schädigung des Kindes nicht durch die Überdosierung entstanden ist.

Aus berufsethischer Sicht kein Neuland

Allerdings wird die grundsätzliche Frage, ob die Grundsätze zum „groben Behandlungsfehler“ auf Apotheker anzuwenden sind, nun vom Bundesgerichtshof zu klären sein. Was heißt das aber für die tägliche Arbeit in den Apotheken bis zu dessen Entscheidung, die erst in ein bis zwei Jahren zu erwarten ist?

Dazu Apothekerin Elfriede Hoffmann, Mitglied der ADEXA-Fachgruppe ApothekerInnen: „Aus meiner Sicht sollte es im Selbstverständnis jeder Apothekerin und jeden Apothekers auch bisher bereits klar sein, dass sie/er das letzte fachliche Korrektiv vor dem Patienten ist. Selbstverständlich ist vor der Herstellung einer Rezeptur – oder wie in diesem Fall beim Hinweis auf die Einnahme – die Dosierung zu prüfen. Unklarheiten sind mit dem Arzt auszuräumen. Dies gilt insbesondere bei Kindern! Ebenso ist beim Arzt nachzufragen, wenn auf Grund von Einträgen auf der Kundenkarte Wechselwirkungen oder Kontraindikationen erkennbar werden. Da hat sich meiner Meinung nach durch das aktuelle Urteil nichts geändert. Allerdings sollte künftig auf jeden Fall eine Notiz gemacht werden, welche Entscheidung der Arzt getroffen hat. In unserer Apotheke haben wir uns eine Vorlage erstellt, die wir an die Praxis faxen und anschließend ablegen.

Das Urteil wird auch die Kolleginnen und Kollegen hoffentlich wachrütteln, die bisher allzu sorglos waren. Und es wird Angestellten, die von der Apothekenleitung aus Angst vor dem Arzt bisher noch gebremst werden, eine Nachfrage erleichtern.“

Zukunftsperspektiven

Dass alle Akteure im Gesundheitswesen Verantwortung tragen müssen, ist gut und richtig. Für die Zukunft benötigen Apothekerinnen und Apotheker allerdings noch bessere Möglichkeiten, um ihre Rolle als fachliches Korrektiv zu übernehmen. Eine davon könnte das ABDA/KBV-Modell darstellen, betont Fachgruppenleiterin Eva-Maria Plank. Denn hier wird sowohl die Zusammenarbeit von Pharmazeuten und Medizinern gestärkt als auch die Verantwortlichkeit des Apothekers.

In jedem Fall liegt ein wichtiger Schlüssel künftig in der patientenorientierten Pharmazie und dem Medikationsmanagement als einer zentralen Leistung der Apotheken. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auch einmal auf eine nördliche Nachbarinsel zu sehen. In Großbritannien arbeiten Ärzte und Pharmazeuten eng zusammen – zum Teil sogar in gemeinsamen Praxis/Apothekenräumen.

Elfriede Hoffmann ergänzt: „Vielleicht werden Apotheker auch im Rahmen der elektronischen Gesundheitskarte mehr Informationen erhalten, um diese Aufgabe noch besser zu bewältigen. Die sorgfältige apothekerliche Arbeit muss aber jedem Patienten auch unabhängig von einem Medikationsmanagement oder einer eCard zugutekommen.“

Die Tatsache, dass die Verantwortung von Pharmazeuten durch das Urteil in der (Berufs)Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird, ist nicht zuletzt auch für die Leitbilddiskussion nicht unerheblich. Den Status quo beizubehalten wird sich der Berufsstand nun noch weniger leisten können.

Iris Borrmann
Rechtsanwältin bei ADEXA

Quelle: Urteil des Oberlandesgerichtes Köln (OLG Köln) vom 7.8.2013 – 5 U 92/12

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