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22. Februar 2013

Erwerbstätigkeit und Familie: Deutschlands steiniger Weg aus der Teilzeitfalle

Kinder und Vollzeitjob: unvereinbar. Zu diesem Schluss kommen Mütter in Deutschland immer noch häufig – und reduzieren ihre Stundenzahl dauerhaft. Bessere Betreuungsangebote und neue Rollenbilder wären ein Weg aus dieser Malaise, doch das kann dauern.

Zwar arbeiten in Deutschland immer mehr Frauen; von 2001 bis 2009 stieg die Erwerbstätigkeitsquote um 7,5 Prozent. An sich eine gute Nachricht; europaweit waren es im gleichen Zeitraum nur drei Prozentpunkte. Die Kehrseite: Immer mehr Mütter verringern ihre Stundenzahl dauerhaft. Forscher der Hans-Böckler-Stiftung begaben sich jetzt auf die Suche nach Hintergründen und Lösungen.

Einbahnstraße Teilzeit

Je mehr Kinder zu betreuen sind, desto weniger Zeit bleibt für den Beruf. Deutsche Arbeitnehmerinnen hatten der Studie zufolge eine der höchsten Teilzeitquoten in Europa, nämlich mehr als 45 Prozent. Hierzulande arbeiten Frauen mit kleinen Kindern im Schnitt etwa sieben Stunden weniger als ihre kinderlosen Kolleginnen. Und auch wenn die Kinder erwachsen sind, kommen sie nicht an das Stundenniveau kinderloser Frauen heran.

Das ist in Skandinavien anders: Schwedische Mütter verringern ihre Arbeitszeit lediglich um drei Stunden, und zwar zeitlich befristet. Ist der Nachwuchs älter als 13, arbeiten sie wieder genauso lange wie ihre kinderlosen Kolleginnen.

Antiquierte Rollenbilder

Das funktioniert in erster Linie durch partnerschaftliche Modelle. Männer in Schweden verringerten ihre Arbeitszeit und halfen rund 18 Stunden pro Woche im Haushalt, während Frauen rund 24 Stunden wöchentlich zwischen Kind und Küche eingespannt waren.

Zum Vergleich: In Deutschland beschränkt „er“ sein Engagement zu Hause auf 12 Stunden, während „sie“ 34 Stunden pro Woche im Haushalt schuftet. Keine Frage, hier muss ein Umdenkungsprozess stattfinden. Auch der Gesetzgeber kann regulatorische Maßnahmen ergreifen, um Arbeitszeiten nach Bedarf verringern zu können, später aber wieder zu erhöhen. Forscher sehen ein Gesetz über Arbeitszeit-Optionen, wie im ersten  Gleichstellungsbericht der Bundesregierung empfohlen, als „Schritt in die richtige Richtung“.

Die Uhr tickt

Bleibt als weitere Strategie noch, gute Betreuungsplätze in ausreichender Menge anzubieten. Mittlerweile hat die Bundesregierung zwar gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, allein bei der Umsetzung hapert es. Im November 2012 fehlten laut Zahlen des Statistischen Bundesamts noch 220.000 Plätze. So manche Kommune kommt jetzt in arge Bedrängnis, bis August müssen zehntausende neuer Angebote entstehen. In Europa liegen die Betreuungsquoten zwischen 35 und 50 Prozent. Deutschlands Statistiker ermittelten einen Bedarf von 39 Prozent, wobei Betreuungsquoten auf bis zu 60 Prozent steigen könnten. „Der Bedarf wächst mit dem Angebot“, erwarten die Forscher.

Werte im Wandel

Für die Gesellschaft hätte das noch weitere Folgen: Sollten tatsächlich immer mehr Eltern Betreuungsangebote in Anspruch nehmen, um wieder in Vollzeit zu arbeiten, verändern sich auch soziale Normen. Einerseits könnte sich die Akzeptanz von Kitas und Tageseltern weiter erhöhen. Andererseits würden sich tradierte Rollenbilder über kurz oder lang wandeln: Sowohl Väter als auch Mütter könnten wieder voll am Erwerbsleben teilnehmen. Hinzu kommen ganz praktische Faktoren. Wissenschaftler aus Dänemark fanden heraus, dass Kinder, die zur Kita gehen, mehr Spielkameraden haben als Gleichaltrige, die nur zu Hause betreut werden: ein weiteres Argument gegen die umstrittene „Herdprämie“.

Michael van den Heuvel

Hier erfahren Sie mehr über das Thema:

Wunsch versus Wirklichkeit

Viele deutsche Männer würden in der Familienphase gern weniger arbeiten. Tatsächlich erhöhen sie, wenn sie Väter werden, ihre Wochenarbeitszeit im Schnitt um 1,5 Stunden. Dagegen reduzieren männliche Arbeitnehmer in Schweden ihr berufliches Pensum, wenn Nachwuchs kommt. Deutsche Mütter arbeiten in keiner Lebensphase so lange wie kinderlose Frauen. Sie würden aber in der Familienphase vielfach gern mehr Stunden arbeiten.

Kommentar: Umdenken tut not

Teilzeitarbeit – ein Modell mit Licht- und Schattenseiten. Für bestimmte Lebensabschnitte ist es gut und wichtig, diese Option als Arbeitnehmerin bzw. Arbeitnehmer(!) zu haben. Doch mit Blick auf Karriereschritte und Alterssicherung erweist sich die Teilzeit allzu oft als Einbahnstraße, aus der gerade Frauen nicht wieder herausfinden.

Um unsere alternde Gesellschaft wirtschaftlich fit zu halten, aber auch, um jeder Bürgerin und jedem Bürger eine Teilhabe am Arbeitsmarkt und ein leistungsgerechtes Einkommen bzw. eine auskömmliche Rente zu ermöglichen, sind mehrere Bausteine nötig: Neben dem notwendigen Ausbau von Krippen- und Kitaplätzen ist vor allem auch eine qualitativ hochwertige Betreuung sicherzustellen, die Bildungschancen von Kindern aus bildungsferneren Familien deutlich erhöht und die Sozialkompetenz aller betreuten Kinder stärkt. Entsprechendes gilt auch für die Hortplätze und den Ausbau von Ganztagsschulen. Quantität zählt hier nicht allein,– und Qualität hängt sowohl mit dem Betreuungsschlüssel als auch mit der Bezahlung und Ausbildung der ErzieherInnen und Lehrkräfte zusammen.

Auf der Basis eines solchen Betreuungsangebotes können Eltern dann auch flexibler nach Voll- oder Teilzeitarbeitsmodellen suchen, die Familie und Beruf für alle Beteiligten positiv zusammenführt.

Für Frauen muss es möglich sein, sich und ihren Nachwuchs unabhängig von vorhandenen Partnern zu versorgen. Ein Ehegattensplitting für kinderlose Paare und die Steuerklasse V haben sich überholt und sollten abgeschafft werden.

Wichtig ist vor allem, dass Frauen die berufliche und finanzielle Unabhängigkeit als Selbstverständlichkeit begreifen. Das schlechte Gewissen, der Begriff Rabenmütter gehören in die Tonne. Allerdings ist auch klar, dass Familien Zeit und Energie kosten – sowohl die lieben Kleinen als auch die pflegebedürftigen Eltern. Es muss sich also auch bei den Männern etwas ändern in Richtung „Weniger ist mehr“. Gleichstellung bei beruflichen und familiären Leistungen und deren Honorierung ist das Ziel, bei dem wir uns an den Schweden durchaus orientieren können.

Barbara Neusetzer
ADEXA, Erste Vorsitzende

 

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