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14. Dezember 2012

Frauen in der Pharmazie (I): Ein mühsamer Weg

Wie schwer es Frauen in der Vergangenheit hatten, sich in der „offiziellen Pharmazie“ durchzusetzen, beispielsweise in puncto Studienzulassung, schilderte der Marburger Pharmaziehistoriker Prof. Dr. Christoph Friedrich im 545. Vortrag der DPhG-Landesgruppe Hamburg am 11. Dezember.

In den städtischen Apotheken, die ab dem 13. Jahrhundert gegründet wurden, waren Frauen in der Regel nur „inoffiziell“ tätig. Zumindest als mithelfende Ehefrauen von Apothekern waren sie aber aus dem Apothekenwesen der damaligen Zeit nicht wegzudenken, und manche Witwe führte den Betrieb des Mannes weiter. Als steinernes Denkmal solch einer Apothekerin kann die Grabplatte von Margareta Ehinger († 1383) im Ulmer Münster gelten.

Klosterpharmazeutinnen

Heilkundige Frauen gab es daneben in den Klöstern, wo Nonnen Arzneimittel herstellten und abgaben. Die Klosterpharmazie in Frauenklöstern stand der ihrer männlichen Pendants in nichts nach. Während zunächst sicherlich die Ausbildung durch die jeweiligen fachlich versierten Mitschwestern erfolgte, sah in Bayern die Medizinalverordnung von 1785 für Klosterpharmazeuten und -pharmazeutinnen ein Examen vor dem Collegium medicum vor, nachdem zunächst eine drei- bis vierjährige Lehrzeit in einer öffentlichen Apotheke absolviert worden war.

Bei den evangelischen Diakonissen war die Ausbildung eher „semiprofessionell“, so Prof. Friedrich. Der Schriftsteller Theodor Fontane, der selbst jahrelang als angestellter Apotheker tätig war und 1847 die „Approbation erster Klasse“ erhielt, arbeitete im folgenden Jahr im Berliner Krankenhaus Bethanien und bildete dort Emmy Danckwerts, die erste Oberin der Henriettenstiftung in Hannover, und Aurelie von Platen zu Apothekenschwestern aus. Trotz der eher anekdotenhaften Lehrtätigkeit Fontanes bestanden beide ihre Prüfung mit besten Noten.1

Gehilfinnen in Oper und Literatur

Auch vom 17. bis zum 19. Jahrhundert waren die Frauen offiziell nur als mithelfende Familienangehörige in den Apotheken aktiv. So erlaubte die Apothekerordnung für Henneberg im Jahr 1612 Frauen nur den „gemeinen Handverkauf“, aber keine Herstellung oder Abgabe von Rezepten.

Die weiblichen Helferinnen wurden in der zeitgenössischen Kunst verewigt, beispielsweise in der zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreichen komischen Oper „Doktor und Apotheker“² von Carl Ditter von Dittersdorf mit einem Libretto von Johann Gottlieb Stephanie d. J.. Dort sitzen die Apothekerstocher Leonore und Nichte Rosalie am Tisch und „bringen Kräuter in Pakete“. Und der russische Dichter Anton Tschechow beschreibt in einer Erzählung³ eine Apothekersgattin, die mit ihrem weiblichen Charme nachts bei den männlichen Kunden für guten Umsatz mit Soda, Selters und Rotwein sorgt.

Zulassung zum Studium

Während in Frankreich Frauen schon 1863 Zugang zu den Hochschulen erhielten und in Holland 1879, taten sich die Deutschen und hier insbesondere der Apothekerstand selbst schwer mit dem Gedanken an studierte weibliche Pharmazeuten. Einer der größten Kritiker war der Pharmaziehistoriker Hermann Schelenz, der sich zwar in einer Studie mit den diversen Beispielen von „Frauen im Reiche Aeskulaps“ beschäftigt hatte, aber trotzdem zu dem Urteil kam: Frauen sollten nicht vergessen, „dass ihre Schwäche ihre Stärke ist“. Auch andere Zeitgenossen bezweifelten, dass Frauen „die unerlässliche Exaktheit und geistige Konzentriertheit“ für den Apothekerberuf besäßen.

Obwohl sich der preußische Apothekerrat 1897 mehrheitlich kritisch bis ablehnend zum Thema Studienzulassung ausgesprochen hatte, wurden vom Bundesrat 1899 Frauen zum Medizin-, Zahnmedizin- und Pharmaziestudium zugelassen. Baden war 1900 mit der Technischen Hochschule Karlsruhe der Vorreiter, 1909 gab es schließlich in allen deutschen Ländern eine reguläre Studienmöglichkeit. 1911 waren unter den 2.500 weiblichen Studierenden allerdings nur acht Pharmazeutinnen. (Fortsetzung folgt)

Dr. Sigrid Joachimsthaler

1 http://gutenberg.spiegel.de/buch/4433/5

² http://de.wikipedia.org/wiki/Doktor_und_Apotheker

³ A. Tschechow, Die Apothekerin: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3979/7

 

Literaturtipps

Gabriele Beisswanger, Gudrun Hahn, Evelyn Seibert, Ildikó Szász, Christl Trischler:  Frauen in der Pharmazie, Deutscher Apotheker Verlag 2001, ISBN 978-3769229059, 19,80 Euro

Karolien-Maria Reske: Weibliche Apotheker – die ersten Absolventinnen in der Pharmazie an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität 1908-1937; Deutscher Apotheker Verlag 2008, ISBN 978-3-7692-4749-7 (antiquarisch erhältlich)

Christoph Friedrich: Forscher, Künstler, Unternehmer – Apothekerkarrieren aus vier Jahrhunderten, Govi-Verlag 2012, ISBN 978-3-7741-1210-0, 29,90 Euro

 

Aus Theodor Fontane, Von Zwanzig bis Dreißig, In Bethanien – Zweites Kapitel: Zwei Diakonissinnen

„Und zur festgesetzten Zeit erschien ich denn auch, ein beliebiges Buch in der Hand, drin ich einen kleinen Zettel, mit ein paar Notizen darauf, eingelegt hatte. Diese Notizen enthielten mein Programm, nach dem ich vorhatte, zunächst von Pharmakologie zu sprechen und daran anschließend, und zwar am ausgiebigsten, von Chemie. Botanik sollte bloß gestreift, Mineralogie noch leiser berührt werden. Physik fiel aus guten Gründen aus.“

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