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18. Januar 2013

Frauen in der Pharmazie (II): Die ersten studierten Apothekerinnen

Nachdem 1899 mit der Zulassung von Frauen zum Pharmaziestudium ein Damm gebrochen war, endeten die Karrieren zunächst oft noch durch eine Heirat. Doch sorgte die Abwesenheit der Männer in den beiden Weltkriegen für einen Bedarf an Apothekerinnen, die zumindest zeitweise auch Leitungsfunktionen übernahmen.

Magdalena Neff, geborene Meub, Tochter eines Bäckermeisters aus Karlsruhe, schloss 1906 als erste Deutsche das Pharmaziestudium regulär und mit einem sehr guten Staatsexamen ab. Da sie einen Apotheker heiratete, blieb sie der Pharmazie auch treu und leitete zusammen mit ihrem Mann fast ein halbes Jahrhundert lang die Löwen-Apotheke in Ehingen an der Donau.

Anders die erste Pharmaziestudentin in Berlin, Luise von Gusnar, auch sie eine Apothekertochter. Nach der Approbation 1914/1915 arbeitete sie in verschiedenen Apotheken, im ersten Weltkrieg auch in Lazaretten, gab aber nach der Heirat  mit einem Witwer aus München ihren Beruf auf, um sich dessen halberwachsenen Söhnen zu widmen.

Jüdische Pharmaziestudierende

Unter den ersten Pharmaziestudierenden waren überproportional viele junge Frauen jüdischen Glaubens, gerade auch in Berlin. Das hatte mehrere Gründe, wie Karolien-Maria Reske in ihrer Dissertation ausgeführt hat. Zum einen war für jüdische Familien die Bildung auch für Mädchen traditionell wichtig, zum anderen boten akademische und freie Berufe gute Aufstiegschancen, während das Lehrerinnenseminar und die christlich konfessionell geprägten Schulen Jüdinnen nicht offenstanden. 

Ab 1933 wurde es jüdischen Mitbürgern beiderlei Geschlechts dann jedoch rasch (fast) unmöglich gemacht, sich einzuschreiben, ihr Vorexamen und Staatsexamen abzulegen beziehungsweise die Approbation oder eine Apothekenkonzession zu erhalten. Wer konnte, emigrierte, etwa jede/r fünfte Apotheker/in wurde deportiert und ermordet.

Die Gehilfenzeit

Bevor die jungen Frauen (und Männer) überhaupt an der Universität ihr Studium aufnehmen konnten, mussten sie zunächst eine fünf- bis sechsjährige nichtakademische Ausbildung (Lehr- und Gehilfenzeit) in der Apotheke absolvieren: Nach der zwei- bis dreijährigen Lehre erfolgte die Gehilfenprüfung – ab 1904 pharmazeutische Vorprüfung genannt, danach schloss sich eine dreijährige Gehilfenzeit an. Wer danach nicht studierte, konnte als Gehilfin bzw. Vorexaminierte weiter in der Apotheke arbeiten. Im Vergleich dazu war das anschließende Studium mit erst drei, später vier Semestern recht kurz.   

Die Apothekengehilfin Sophie Wißmar gründete 1902 zusammen mit Magdalena Meub eine Rundbriefaktion zum Austausch mit anderen Pharmazeutinnen in spe, das „Apothekerinnenkränzchen“, aus der sich der „Bund deutscher Pharmazeutinnen entwickelte.

Die Suche nach einer Lehr- und Gehilfinnenstelle war für die jungen Frauen im Übrigen nicht leicht, denn die dafür notwendige Hausgemeinschaft war insbesondere mit ledigen Apothekern zur damaligen Zeit kaum vorstellbar.

In Kriegszeiten gesucht

Vor Beginn der NS-Zeit waren schon fast 30 Prozent der Apothekerschaft Frauen – allerdings nur im Angestelltenverhältnis, denn die Konzession für eine Apotheke erhielten sie höchstens durch eine Erbschaft.

Die nationalsozialistische Ideologie stand der Berufstätigkeit von Frauen zunächst ablehnend gegenüber: „Die Frau aber, die heute noch einen Arbeitsplatz einnimmt, wird […] zugunsten des Mannes verzichten müssen“, so der Autor eines Artikel zur Frage „Frauen im Apothekerberuf?“ im Jahr 1933. 

Erst als die hohe Arbeitslosigkeit mit Kriegsausbruch zurückging, gab es einen Paradigmenwechsel und die Apothekertätigkeit wurde zu einer historisch tradierten sozialen Frauenarbeit umgedeutet. Dabei wurde ein besonderes Augenmerk auf die einheimischen Arzneipflanzen gelegt, da der Nachschub aus dem Ausland knapp wurde.

De facto mussten viele Frauen im zweiten Weltkrieg die Leitung der Apotheke übernehmen, weil der Apothekerleiter beziehungsweise Ehemann eingezogen wurde, so wie bei Margarete Lammers in Lauenburg an der Elbe. Auch Pharmaziestudierende und Vorexaminierte wurden ab 1939 per Notdienstverordnung zur Vertretung herangezogen.

Dass viele Apothekerinnen aufgrund von Heirat und – angeblich – auch wegen der kriegsbedingt verschärften Arbeitsbelastung aus dem Beruf ausschieden, wurde 1942 vom stellvertretenden Reichsapothekerführer als „besorgniserregend“ angesehen, gerade auch, weil der Frauenanteil beim Berufsnachwuchs sehr hoch war. Tatsächlich waren es aber die Frauen, die dafür sorgten, dass die Apotheken trotz Bombardierung und Rationierung geöffnet blieben.

Einen Überblick über die Entwicklung nach Kriegsende und die akademischen Karrieren von Frauen gibt der dritte und letzte Teil der Serie in einer der nächsten Ausgaben.

Dr. Sigrid Joachimsthaler

Quellen:

Vortrag von Prof. Dr. Christoph Friedrich am 11.12.2012 in Hamburg im Rahmen der Vortragsreihe der DPhG-Landesgruppe Hamburg

Gabriele Beisswanger, Gudrun Hahn, Evelyn Seibert, Ildikó Szász, Christl Trischler:  Frauen in der Pharmazie, Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart 2001, ISBN 978-3769229059, 19,80 Euro

Karolien-Maria Reske: Weibliche Apotheker – die ersten Absolventinnen in der Pharmazie an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität 1908-1937; Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart 2008, ISBN 978-3-7692-4749-7 (antiquarisch erhältlich)

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