News

zurück zur Übersicht AKTUELLES >>

08. Februar 2013

Frauen in der Pharmazie (III): Akademische Karrieren

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stieg sowohl die Zahl der weiblichen Studierenden und Apothekeninhaberinnen als auch – wenngleich langsamer – der Anteil an Professorinnen.

Ab 1920 konnten sich Frauen an deutschen Universitäten habilitieren – damit war auch die Voraussetzung für weibliche Professoren gegeben. Zehn Jahre später war es in der Pharmazie erstmals so weit: In Hamburg gelang der Apothekerin Ilse Esdorn mit einer Arbeit über die Hartschaligkeit der gelben Lupine am Staatsinstitut für angewandte Botanik der Einstieg in eine wissenschaftliche Karriere in der Pharmakognosie (Drogenkunde).

Ilse Esdorn (1897- 1985)

Die Kaufmannstochter Ilse Esdorn wurde 1897 in Braunschweig geboren und besuchte dort das Herzogin-Elisabeth-Lyzeum. Ihre pharmazeutische Lehrzeit absolvierte sie in Bergedorf und Braunschweig, wo sie 1918 ihr pharmazeutisches Vorexamen ablegte. Anschließend arbeitete sie als Apothekengehilfin in Rostock – eine Voraussetzung für das folgende Pharmaziestudium.

Seit den Zeiten der ersten weiblichen Pharmaziestudierenden war der Frauenanteil inzwischen auf immerhin zehn Prozent angestiegen und lag damit sogar geringfügig über dem Schnitt aller Studierenden insgesamt. Trotzdem dürften es die weiblichen Kommilitoninnen damals noch schwer gehabt haben in einem weitgehend männlich dominierten akademischen Umfeld. 

Esdorn legte 1922 in Braunschweig das pharmazeutische Staatsexamen ab. Es folgten fünf Jahre als Assistentin des Botanikers und Phytopathologen Prof. Gustav Gassner an der TH Braunschweig. In dieser Zeit promovierte Ilse Esdorn. Ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Untersuchungen über Einwirkung von Röntgenstrahlen auf Pflanzen“.

1927 ging sie von Braunschweig nach Hamburg und war als wissenschaftliche Angestellte an der Universität tätig. Von 1932 bis 1940 hatte Esdorn einen Lehrauftrag für Pharmakognosie inne und hielt Vorlesungen über die „Grundzüge des Arzneipflanzenbaus“. Außerdem führte sie Heilkräuterexkursionen für Mediziner durch.

Die Ernennung zur Beamtin wurde ihr 1936 jedoch verweigert, weil im Nationalsozialismus Frauen in höheren Positionen nicht erwünscht waren. Ab 1937 war sie selbst Mitglied der NSDAP. Zwei Jahre später wurde die Fachrichtung Pharmazie in Hamburg eingestellt, und Ilse Esdorn wechselte 1940 als Abteilungsleiterin ans „Reichsinstitut für ausländische und koloniale Forst- und Holzwirtschaft“ in Reinbek bei Hamburg. 1941 wurde sie dort zur außerplanmäßigen Professorin ernannt.

1950 ging Ilse Esdorn nach Hamburg ans Institut für Angewandte Botanik zurück. Als Wissenschaftlerin hat sie sich besonders mit den Heil- und Nutzpflanzen des tropischen Afrikas beschäftigt und dazu diverse Forschungsreisen unternommen. Veröffentlichungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren befassen sich mit der Biosynthese von ätherischen Ölen, mit den Arzneipflanzen Rauwolfia, Fagopyrum (Buchweizen) und Ginseng sowie mit Pilzen als Erreger von Allergien (Deutsche Apotheker Zeitung, 1968). 1961 erschien ihr Lehrbuch „Die Nutzpflanzen der Tropen und Subtropen der Weltwirtschaft“.

Bis zu ihrem Abschied aus dem aktiven Hochschuldienst 1962 betreute sie als Leiterin der Abteilung Pharmakognosie zahlreiche Studierende und Doktoranden, darunter auch viele junge Frauen. In einem Nachruf wird ihr „Verständnis für ihre Schüler und ihre soziale Aktivität gegenüber den Studierenden insgesamt (z. B. als Betreuerin von Studentenwohnheimen)“ hervorgehoben und ihr „Engagement für die Gleichberechtigung der Frau in wissenschaftlichen Berufen“ gewürdigt. 1982 wurde Ilse Esdorn die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft verliehen. Sie verstarb 1985 im Alter von 88 Jahren in Braunschweig.

Elsa Ullmann (1911-2010)

Auch Elsa Ullmann war eine der Wegbereiterinnen für Frauen in der akademischen Welt der Pharmazie – und zwar in dem neuen Fachgebiet der Pharmazeutischen Technologie. Die Tochter eines Geheimen Rechnungsrevisors wuchs in Potsdam auf. Für die Pharmazie entschied sie sich, „weil die Ausbildung zur Apothekerin kurz und kostengünstig war“, was angesichts der langen Lehr- und Gehilfenzeit vor dem Studium aus heutiger Sicht verwundert. Auch war es 1930, als sie ihr Abitur absolvierte, durch die Arbeitslosigkeit schwierig, überhaupt eine Ausbildungsapotheke zu finden. Von 1931 an war sie deshalb zunächst als Praktikantin und nach dem Vorexamen als Gehilfin in Bartenstein (Ostpreußen) tätig, bevor sie 1933 nach Potsdam in die Cecilien-Apotheke zurückkehrte. Ein Jahr später fing Ullmann in Berlin mit dem Studium an; ihr akademischer Lehrer war der pharmazeutische Chemiker Carl Mannich (Mannich-Reaktion = Aminoalkylierung CH-acider Verbindungen; Carl-Mannich-Medaille der DPhG).  

Nach dem Staatsexamen im Frühjahr 1936 musste sie ihre universitäre Laufbahn zunächst aus finanziellen Gründen unterbrechen und als Apothekerin in der Offizin tätig sein. In einem 1994 veröffentlichten biografischen Rückblick schreibt sie dazu: „Obwohl ich versuchte mein Wissen umzusetzen, wurde mir klar, dass die Arbeit in einer öffentlichen Apotheke keine befriedigende Zukunftsperspektive bot.“

Glücklicherweise fand sie nach drei Jahren eine Assistentenstelle in Tübingen bei Eugen Bamann, wo sie den pharmazeutischen Nachwuchs in einem galenischen Labor unterrichtete. Mit Bamann ging Ullmann nach Abschluss ihrer Doktorarbeit 1941 an die Prager Universität – und wurde dort als Deutsche nach Kriegsende wie dieser inhaftiert. Im April 1946 wurde sie aus der Gefangenschaft nach Hessen entlassen. Von Kassel zog es Elsa Ullmann 1948 nach München – wiederum als wissenschaftliche Assistentin von Eugen Bamann. Im folgenden Jahr begann sie mit dem Aufbau der Abteilung für Pharmazeutische Technologie, für deren Unterricht sie acht Jahre allein zuständig war. 1953 erfolgte die Habilitation über pflanzliche Lipasen – die erste für das Fachgebiet überhaupt – und die Ernennung zur Privatdozentin, 1961 zur außerplanmäßigen Professorin. Aber erst zwei Jahre vor ihrer Emeritierung im Jahr 1979 wurde sie mit 66 Jahren auf den Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie berufen. Aus heutiger Sicht stellte sich die Frage, ob dies einem männlichen Kollegen mit gleich hoher Qualifikation wohl ähnlich ergangen wäre.

Melanie Rink (1914 – 1965)

Nur kurz angerissen werden soll hier Melanie Rink als erste Professorin für Pharmazeutische Chemie, die sich 1954 habilitierte und 1960 zur außerplanmäßigen Professorin ernannt wurde. Zusammen mit ihrem wissenschaftlichen Mentor Karl Winterfeld hat sie das „Praktikum der organisch-präparativen pharmazeutischen Chemie und Lehrbuch der organisch-chemischen Arzneimittelanalyse“ verfasst. Von 1963 bis zu ihrem frühen Tod leitete Rink die Abteilung für Arzneimittelprüfung am Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn.

Dr. Sigrid Joachimsthaler

 

Quellen / Literatur:

Vortrag von Prof. Dr. Christoph Friedrich am 11.12.2012 in Hamburg im Rahmen der Vortragsreihe der DPhG-Landesgruppe Hamburg

C. Friedrich: Forscher, Künstler, Unternehmer – Apothekerkarrieren aus vier Jahrhunderten. Govi-Verlag Eschborn 2012, gebunden, 180 Seiten, ISBN 978-3774112100, 29,90 Euro.

G. Beisswanger et al.: Frauen in der Pharmazie. Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart 2001, ISBN 978-3769229059, 19,80 Euro.

 

Frauen in der Pharmazie

  • Teil 1: Ein mühsamer Weg [weiter]
  • Teil 2: Die ersten studierten Apothekerinnen [weiter]

 

zurück zur Übersicht AKTUELLES >>