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12. Juli 2013

Gedanken zum Leitbild für ApothekerInnen: Näher am Patienten

ADEXA – Die Apothekengewerkschaft setzt sich dafür ein, alle Berufe in öffentlichen Apotheken attraktiv und zukunftssicher zu gestalten. Nachdem die PKA-Ausbildung novelliert wurde und Eckpunkte für die PTA-Ausbildung vorliegen, geht es jetzt um ein neues Leitbild für ApothekerInnen. Das Ziel, patientenorientierter zu arbeiten, lässt sich auf verschiedene Weise erreichen. Allerdings ist der Weg nicht unumstritten.

In den letzten Jahren hat sich still, heimlich und leise ein Paradigmenwechsel vollzogen: Pharmazeutische Fachkräfte sind nicht mehr der verlängerte Arm von ÄrztInnen. Vielmehr greifen sie aktiv ein, um Arzneimitteltherapien optimal zu gestalten: hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, aber auch hinsichtlich der Compliance von Patienten. Entsprechende Aspekte hat die Fachgruppe ApothekerInnen bei Gesprächen in Rotenburg an der Fulda und in Hamburg diskutiert. Daraus soll ein neues Leitbild aus der Sicht von Angestellten entstehen, das nicht zwangsläufig der Herangehensweise von ApothekenleiterInnen widerspricht.

Studium: patientenorientiert statt theorielastig

„Das Studium muss der Tatsache Rechnung tragen, dass sich Berufsbilder weiterentwickeln“, fordert ADEXAs Erste Vorsitzende Barbara Neusetzer. Künftig stehen patientenorientierte Konzepte im Mittelpunkt, und zwar nicht erst im praktischen Jahr. „Hochschulen thematisieren klinische Pharmazie momentan noch ganz unterschiedlich“, ergänzt Fachgruppenleiterin Eva-Maria Plank. Falls es einen entsprechenden Lehrstuhl gibt, haben Studierende meist bessere Karten. Inhalte sollten jedoch an allen Hochschulstandorten harmonisiert werden. Auch eine Reform des dritten Studienabschnitts ist dringend erforderlich, das ergab eine Umfrage von ADEXA. Viele Teilnehmer waren sowohl mit den begleitenden Unterrichtsveranstaltungen als auch mit der Ausbildung in öffentlichen Apotheken unzufrieden. Ideen gäbe es zur Genüge: „PhiP könnten beispielsweise mit Arbeitszirkeln durch das praktische Jahr begleitet werden“, sagt Plank. In Baden-Württemberg werden bereits WiedereinsteigerInnen und PhiP gemeinsam nach diesem Modell unterrichtet.

Approbationsordnung ändern…

Ob die Approbationsordnung wirklich angepasst werden sollte, das diskutieren Hochschullehrer zurzeit sehr kontrovers. Auf der letzten Interpharm brach Professor Dr. Hartmut Derendorf aus Gainesville, Florida, eine Lanze für die patientenorientierte Pharmazie. Auch er sprach von einem Wandel des Berufsbildes: Standen früher Herstellung, Abgabe und Qualitätssicherung im Mittelpunkt, geht die Reise jetzt in Richtung pharmazeutische Versorgung (Pharmaceutical Care). Derendorf moniert den fehlenden Kontakt von Pharmaziestudierenden mit Patienten, während sie Tag für Tag im Labor stünden und Analysen machten. Er fordert ein effektives Medikationstherapiemanagement (MTM) im ambulanten und stationären Bereich: zum Wohle der Patienten, aber auch, um Kosten zu sparen. Mit diesem Argument könnten ApothekerInnen berechtigte Honorarforderungen gegenüber Krankenkassen vertreten

…oder lieber beibehalten?

Der Kieler Pharmazieprofessor Bernd Clement, Vorsitzender des Verbandes der Professoren an pharmazeutischen Hochschulinstituten (VdPPHI), rät von einer Änderung der Approbationsordnung dringend ab und befürchtet sogar „fatale Folgen“. Seiner Meinung nach stünde sofort wieder die Fachhochschul- und Bachelor-Master-Diskussion im Raum. Clement widerspricht Derendorf insofern, als die USA und England einen anderen Weg als Deutschland gegangen seien – was die Übertragbarkeit auf unser System stark einschränkt. Als weiteres Argument sieht er die Notwendigkeit, sich von anderen Naturwissenschaftlern deutlich abzugrenzen. Chemiker sind beispielsweise schon heute eine starke Konkurrenz im analytischen Sektor, aber auch in Bereichen wie Wirkstoffdesign, Synthese oder Pharmakokinetik. Technische Fakultäten hingegen liebäugeln mit der Arzneiformenlehre. Allerdings sieht auch Clement die Notwendigkeit patientenorientierter Konzepte. Sein Credo: im Studium Berufsfähigkeiten vermitteln, aber keine Berufsfertigkeiten. Dafür sollten lieber FachapothekerInnen für Allgemeinpharmazie aufgewertet werden, was Fragen zur Honorierung durch GKVen aufwirft. „ADEXA hält eine Verankerung im Gehaltstarifvertrag ebenfalls für denkbar“, so Barbara Neusetzer.

Weiterentwicklung fördern

ADEXAs Erste Vorsitzende weist darauf hin, dass die Diskussion um ein neues Leitbild oftmals aus dem Blickwinkel von Apothekenleitern geführt wird. Ein Trugschluss: Laut ABDA-Zahlen arbeiten derzeit rund 65 Prozent aller ApothekerInnen im Angestelltenverhältnis. „Ich fördere die Aus- und Fortbildung meiner Mitarbeiter“, heißt es beispielsweise im Leitbild der Sächsischen Landesapothekerkammer. Arbeitgeber müssen eine Basis schaffen, auf der sich Angestellte entwickeln können – hier bieten sich primär Rahmen- und Gehaltstarifverträge an. Bei aufwändigen Weiterbildungen wie Fachapothekern sollte auch über neue Modelle der Honorierung für Angestellte nachgedacht werden – schließlich investieren Absolventen viel Zeit und Geld zum Wohle der Apotheke.

Patientenorientierung als Ziel

Mit besserer Ausbildung oder Weiterbildung allein wird es nicht getan sein. In der Praxis lassen sich patientenorientierte Konzepte nur durch weitreichende Änderungen wie dem ABDA-KBV-Modell umsetzen – was technisch und berufspolitisch momentan noch Probleme bereitet. Auch sollten engere Kontakte zu Ärzten geknüpft werden. ApothekerInnen in den Vereinigten Staaten leisten vor allem bei stationären Patienten einen entscheidenden Beitrag, um die Arzneimitteltherapie zu optimieren. Bei Ärzten gelten sie als Partner auf Augenhöhe. Und im ambulanten Bereich haben sich viele US-Krankenkassen bereits entschlossen, multimorbide Patienten zu verpflichten, an Programmen zum Medikationsmanagement teilzunehmen. Genau hier stoßen KollegInnen in Deutschland noch an ihre Grenze. In den nächsten Jahren werden sie neue Modelle zur Honorierung mit Krankenkassen diskutieren müssen.

Langfristige Planungen

Die Überlegungen zeigen, dass sich über Nacht kein neues Leitbild erarbeiten beziehungsweise umsetzen lässt. Allen Beteiligten ist klar, dass die Reise in Richtung Patientenorientierung gehen muss. Über welche Pfade ApothekerInnen ihr Ziel erreichen, ist eine andere Frage. Dass noch viel Diskussionsbedarf besteht, zeigt sich schon beim Deutschen Apothekertag 2013: Für Diskussionen zum Leitbild ist ein ganzer Tag vorgesehen.

Michael van den Heuvel

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