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08. November 2013

Gesund am Arbeitsplatz: Individuelle Ansätze statt Schema F

Burnout, Leistungsdruck oder Mobbing: Viele Angestellte werden durch den Job krank. Mittelständische Unternehmen wie öffentliche Apotheken profitieren zwar von einem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Wichtig sind jedoch individuelle Ansätze – vor „Schema-F-Lösungen“ warnen Experten eindringlich.

Im aktuellen Gesundheitsreport berichten DAK-Forscher, das häufigste psychische Leiden, das zu einer Krankschreibung führe, sei die Depression. Als Auslöser werden unter anderem eine starke Arbeitsverdichtung und wenig Entscheidungsspielräume im Job genannt. Wer auch am Feierabend oder am freien Samstag telefonisch erreichbar ist, um gegebenenfalls einzuspringen, erhöht sein persönliches Krankheitsrisiko ebenfalls.

Tickende Zeitbombe

Professor Dr. Bernhard Badura, Universität Bielefeld, bestätigte auf einem Kongress zum Thema „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ diese Einschätzung. KollegInnen mit „innerer Kündigung“ oder psychischen Befindlichkeitsstörungen sind für die Arbeitswelt eine große Herausforderung. Laut Badura tickt hier eine Zeitbombe. Als Lösung wird immer wieder ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) in das Gespräch gebracht. Nicht alle Firmen – und kaum Kleinunternehmen wie Apotheken – haben entsprechende Module aber bislang umgesetzt. Deshalb hält Badura stärkere Eingriffe des Gesetzgebers für erforderlich, beispielsweise über steuerliche Boni.

Wie das Bundesministerium für Gesundheit berichtet, kann ein Unternehmen 500 Euro pro Mitarbeiter und Jahr lohnsteuerfrei für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung einsetzen. Zu wenig, kritisieren Betriebsärzte. Auch müssen alle Maßnahmen Qualitätsstandards erfüllen, um ihr Ziel zu erreichen.

Gleichzeitig mahnt Bernhard Badura, als Ziel nicht nur Fehltage reduzieren zu wollen und dabei die große Mehrheit an Angestellten zu vernachlässigen. Wichtig sei vielmehr, belastende Faktoren zu identifizieren. Dazu gehöre auch der „Risikofaktor Vorgesetzter“.

Ursachensuche ist selten

Wissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung warnen in diesem Zusammenhang vor standardisierten Konzepten. Mathias Heiden und Kerstin Jürgens von der Universität Kassel haben untersucht, wie es gelingen kann, die „Lebens- und Arbeitskraft“ zu erhalten. Sie befragten rund 30 Experten und 70 Angestellte aus unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen. Das Resultat ernüchtert: Während Personalverantwortliche ambitionierte Projekte in die Wege leiten, ändert sich für die Arbeitnehmer spürbar nichts. Ursächliche Probleme der Überforderung werden selten angegangen.

Auch monieren Heiden und Jürgens, es werde zu wenig auf individuelle Unterschiede eingegangen. Wer seine Kraft beispielsweise aus der Gartenarbeit am Feierabend schöpft, wird von Sportangeboten und Kursen zur Stressbewältigung wenig Nutzen ziehen. Im schlimmsten Fall bewirken die gut gemeinten Angebote sogar das Gegenteil und werden bei verpflichtender Teilnahme selbst zum Stressfaktor.

Freizeit und Aktivitätsreserven

Mathias Heiden und Kerstin Jürgens raten Arbeitgebern deshalb, ihren Angestellten ausreichend „Freizeit und Aktivitätsreserven“ zuzubilligen, damit sie sich nach persönlichen Vorlieben erholen können. Bei der Arbeitsorganisation selbst sollten grundlegende Bedürfnisse berücksichtigt werden. Betriebliche Gesundheitsförderung biete zwar „viele wichtige Impulse“, vernachlässige aber „die Arbeitsaufgaben und -abläufe als Ursache von Überlastung“. Hier nennen die Autoren unter anderem fehlende Kommunikation und häufig wechselnde Arbeitsteams als berufliche Stressoren.

Michael van den Heuvel

Quellen

Bundesministerium für Gesundheit: Steuerliche Vorteile der betrieblichen Gesundheitsförderung: http://bit.ly/1bLRBnY

DAK-Gesundheitsreport 2013: http://bit.ly/17DgRxB

Mathias Heiden, Kerstin Jürgens: Kräftemessen. Betriebe und Beschäftigte im Reproduktionskonflikt, edition sigma, Berlin 2013.

 

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