News

zurück zur Übersicht AKTUELLES >>

02. August 2019

Gesundheit und Arbeitszeit: Mehr Zeitautonomie für Angestellte

Arbeit ist das halbe Leben, heißt es im Sprichwort. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken: Lange Schichten oder Nachtarbeit schaden der Gesundheit. ADEXA fordert nicht nur, flexibler auf Angestellte einzugehen. In den kommenden Tarifgesprächen werden auch niedrigere Wochenarbeitszeiten ein Thema sein.

35 Prozent aller deutschen Betriebe haben Regelungen zu Arbeitszeitkonten und weitere 29 Prozent arbeiten mit Vertrauensarbeitszeiten, erfassen die Arbeitszeit also nicht. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor (1, 2). Zeitautonomie, sprich die Möglichkeit, Arbeitszeiten frei zu gestalten, stelle eine positive Ressource dar, heißt es aus Berlin. Denn Flexibilitätsmöglichkeiten gingen häufig mit weniger gesundheitlichen Beschwerden, einem reduzierten Stresserleben und verminderter Burnout-Symptomatik einher. Davon sind wir im Bereich öffentlicher Apotheken noch weit entfernt.

Recht: Höchstgrenze 48 Stunden pro Woche

Zum Hintergrund: Derzeit liegt die werktägliche Arbeitszeit bei acht Stunden, also höchstens bei 48 Stunden pro Woche (§ 3 Arbeitszeitgesetz). Sie darf auf bis zu zehn Stunden pro Werktag (60 Stunden in der Woche) verlängert werden, falls innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen im Durchschnitt 48 Stunden nicht überschritten werden.

Für Jugendliche gelten engere Grenzen von acht Stunden täglich und 40 Stunden in der Woche. Bei werdenden und stillenden Müttern sind es maximal 8,5 Stunden täglich oder 90 Stunden innerhalb von zwei Wochen. Sind sie unter 18 Jahre alt, reduziert sich die Zeit auf acht Stunden pro Tag oder 80 Stunden innerhalb von zwei Wochen. „Solche Regelungen stellen zwar einen gewissen Schutz für Angestellte dar, widersprechen aber grundlegenden biologischen Mechanismen“, erklärt ADEXA-Vorstand Tanja Kratt. Sie ist Tarifexpertin bei ADEXA.

Biologie: Acht Stunden pro Tag sind das Maximum

Wissenschaftler fanden nämlich heraus, dass acht Stunden pro Tag eine biologische Obergrenze darstellen (3). Wer länger arbeitet, wird nicht nur unkonzentrierter und unproduktiver. Auch die Unfallgefahr steigt deutlich. Wer über längere Zeit deutlich mehr als 40 Stunden wöchentlich arbeitet, hat außerdem häufiger mit Schmerzen im Bewegungsapparat, Kopfschmerzen, Einschlafschwierigkeiten, Verdauungsproblemen zu kämpfen – verglichen mit einer Kontrollgruppe, die 40 Stunden nicht überschritt. Zuletzt befasste sich der Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit dieser Problematik (4).

Wer hat an der Uhr gedreht?

Auch die Lage von Arbeitszeiten ist bei gesundheitlichen Bewertungen zu berücksichtigen. Unser Körper arbeitet mit einer „inneren Uhr“. Viele biochemische Vorgänge im Körper orientieren sich an den Tag-Nacht-Rhythmen. Wer dauerhaft dagegen ankämpft oder im Schichtsystem arbeitet, riskiert nicht nur Schlafstörungen. Bei Beschäftigten treten häufiger Magen-Darm-Probleme, Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems, der Leber und der Schilddrüse, Nervosität, Kopfschmerzen und Erschöpfungszustände auf. Keine Sorge: Das ist nicht nach einem Nachtdienst der Fall. Wer aber länger und häufiger beruflich die Nacht zum Tage macht – in manchen Kammerbezirken sind einwöchige Blöcke durchaus üblich –, tut dem eigenen Körper keinen Gefallen.

Planung ist das halbe Leben

Arbeitsmediziner weisen darauf hin, dass fehlende Regelungen ebenfalls der Gesundheit schaden. Wer erst 24 Stunden zuvor erfährt, welche Schichten und wie viel Stunden am Folgetag anstehen, muss langfristig mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen rechnen. Auch das Unfallrisiko erhöht sich deutlich.

ADEXA fordert niedrigere Wochenarbeitszeit

„Angestellte sollten den größtmöglichen Einfluss auf ihre Arbeitszeit haben, und zwar sowohl in Bezug auf die Lage als auch den Umfang der Arbeitszeit“, fasst Tanja Kratt zusammen. „Mit dem Jahresarbeitszeitkonto (5) haben wir im Bundesrahmentarifvertrag beziehungsweise im Rahmentarifvertrag für Nordrhein bereits wichtige Eckpunkte mit den Arbeitgeberverbänden vereinbart.“

Im Arbeitsvertrag definieren Inhaber und Angestellte wie üblich die Arbeitszeit, an der sich auch das Gehalt orientiert. Diese kann jedoch zwischen 75 und 130 Prozent liegen, wenn ein Jahresarbeitszeitkonto vereinbart wurde. Auch hier gilt, dass Apothekenleiter ihre Mitarbeiter rechtzeitig informieren, welches Kontingent sie wann abrufen.

Kratt: „In die nächste Tarifrunde gehen wir außerdem mit der Forderung nach weniger Wochenarbeitszeit sowie nach mehr Urlaubstagen.“

Michael van den Heuvel

Quellen

(1) http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/114/1911469.pdf
(2) http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/105/1910574.pdf
(3) https://www.arbeitszeit-klug-gestalten.de/alles-zu-arbeitszeitgestaltung/arbeitszeit-und-gesundheit/dauer-der-arbeitszeit
(4) https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2398.html
(5) https://www.adexa-online.de/aktuelles/themen/arbeitszeit/

zurück zur Übersicht AKTUELLES >>