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10. Januar 2013

Gewerkschaftlicher Rückblick und Ausblick: „Wir brauchen qualifizierte, fair entlohnte Fachkräfte“

Tanja Kratt, Barbara Neusetzer (v.l.).

Die letzten Monate waren geprägt von der neuen Apothekenbetriebsordnung und von Diskussionen zur Honorierung der öffentlichen Apotheken. Auch das neue Jahr wird turbulent, erwarten die ADEXA-Vorsitzenden Barbara Neusetzer und Tanja Kratt. Im Gespräch erläutern sie berufspolitische Herausforderungen für 2013.

Frau Neusetzer, die neue Apothekenbetriebsordnung hat für mächtigen Wirbel gesorgt. Viel Papier oder eine wirkliche Verbesserung?

Neusetzer: ADEXA hat sich immer für Qualität in öffentlichen Apotheken eingesetzt: Wir waren gegen „Apotheken light“ und haben bei Gesprächen im Bundesgesundheitsministerium diverse Verbesserungsvorschläge vorgebracht. Kammern und Verbände äußerten sich ähnlich. Jetzt stellt die  Apothekenbetriebsordnung Qualität in den Mittelpunkt; jede Apotheke innerhalb eines Verbunds hat das volle Leistungsspektrum anzubieten. Hinzu kommen verbindliche Qualitätsmanagementsysteme sowie die Pflicht, zu beraten. Ein Erfolg im Sinne der Patienten, die Novelle hat aber dennoch Schwächen und belastet das Personal.

Wo sehen Sie Defizite?


Neusetzer: Missverständliche Formulierungen z. B. zur Plausibilitätsprüfung von Rezepturen ließen sich so interpretieren, dass PharmazieingenieurInnen und ApothekerassistentInnen nicht mehr vertreten dürfen. Im Dialog mit dem Ministerium, dem ABDA-Juristen Lutz Tisch und der Arbeitsgemeinschaft der Pharmazieräte Deutschlands konnten wir diesen Punkt klären – eine Änderung gegenüber dem vorherigen Stand ist nicht vorgesehen. ADEXA beurteilt die geforderte Festlegung von Zuständigkeiten für PTA, PI und ApothekerassistentInnen prinzipiell als hilfreich, was die Absicherung der KollegInnen anbetrifft, wenn sie sachgerecht und den Qualitäten der MitarbeiterInnen entspricht, und nicht dazu ausgenutzt wird, um neue Druckmittel einzusetzen, um Hierarchien aufzubauen und das Betriebsklima zu verschlechtern. Ansonsten hat es die Regierung immer noch nicht geschafft, Pick-ups zu verbieten – weder mit der ApBetrO noch mit der AMG-Novelle. Als ausschlaggebendes Kriterium werden in Berlin juristische Bedenken genannt. Wir bedauern, dass hier bisher kein Weg gefunden wurde.

Welche Erfahrungen haben Kolleginnen und Kollegen vor Ort mit der Apothekenbetriebsordnung gemacht?

Neusetzer: Eine ADEXA-Umfrage brachte wenig Schmeichelhaftes zu Tage: Die Arbeitsbelastung ist weiter gestiegen, während Inhaber kaum neue Kräfte einstellen. Unser Ergebnis deckt sich mit Aussagen des Marktforschungsinstituts Kantar Health. Hier gaben Chefs an, KollegInnen zu entlassen beziehungsweise vakante Stellen nicht nachzubesetzen.

Eine gefährliche Entwicklung ...

Neusetzer: Ganz genau – in der neuen Apothekenbetriebsordnung heißt es, das notwendige Personal müsse „in ausreichender Anzahl vorhanden sein“. Apotheken sparen zu häufig an ihrem wichtigsten Kapital, nämlich gut ausgebildeten Fachkräften. Die betreffenden Inhaber sollten sich vielmehr über eine sinnvolle Personalplanung Gedanken machen und über Spezialisierung bzw. angemessene Marktausrichtung ihrer speziellen Apothekenstandorte. Gerade ältere Kolleginnen und Kollegen bringen viel Kompetenz ein. Wir müssen auch sicherstellen, dass künftig genügend Fachkräfte aller Berufsgruppen ausgebildet werden. Bereits jetzt gibt es im Osten Deutschlands kaum noch PKA-SchülerInnen, PTA und Approbierte fehlen vielerorts. Dazu kommt das Problem der sinkenden Zahlen an PI.

Frau Kratt, was wird das neue Jahr tarifrechtlich bringen?

Kratt: Ab Januar gilt in Nordrhein ein Tarifvertrag zur leistungsorientierten Bezahlung (TV LOB). Inhaber können selbst entscheiden, ob sie daran teilnehmen und 1,5 Prozent des tariflichen Grundgehalts pro Jahr zusätzlich als leistungsabhängige Komponente ausloben. Kriterien für die Bewertung sind die fachliche und soziale Kompetenz, Methodenkompetenz und Arbeitseffizienz. Für Angestellte muss sich Leistung lohnen! Ein anderer Aspekt ist die dadurch verbesserte Gesprächs- und Feedbackkultur in der Apotheke.

Und im „ADA-Land“?

Kratt: Wir haben den Gehaltstarifvertrag mit dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheker (ADA) gekündigt und es gab ein erstes Gespräch, aber noch keine Verhandlungen. Unsere Forderungen nach einer deutlichen Erhöhung der Gehälter wird durch Gehaltsumfragen unterstützt.

Bei Tarifverhandlungen kommt auch die aktuelle Honorierungssituation öffentlicher Apotheken ins Spiel.

Kratt: Ganz klar, ADEXA hat immer Tarifabschlüsse mit Augenmaß ausgehandelt. Wir dürfen aber nicht vergessen: Steigende Kosten, über die Inhaber klagen, betreffen Angestellte genauso. Der Gesetzgeber hat erste Schritte durch das Fixhonorar und die angekündigte Erhöhung der Notdienstpauschale unternommen, um Apotheken auf eine wirtschaftlich solidere Basis zu stellen. ADEXA hat sich hier klar hinter die berechtigten Forderungen der Arbeitgeber gestellt und zusammen mit dem ADA-Vorsitzenden, Theo Hasse, im BMG vorgesprochen. Jetzt erwarten wir auch für Angestellte eine angemessene Erhöhung des Tarifgehalts.

Von einer niedrigen Entlohnung im Vergleich zu anderen Branchen sind aber nicht nur Apothekenangestellte betroffen.

Kratt: Bei Hebammen, medizinischen Fachangestellten oder Pflegekräften ist der Frauenanteil ähnlich hoch wie in öffentlichen Apotheken – ebenfalls bei niedriger Entlohnung. ADEXA verlangt faire Einkommen für alle Gesundheitsberufe. Wir werden im Rahmen des bundesweiten „Equal Pay Day“ am 21. März unsere Forderung an die Politik erneuern, denn nur steter Tropfen höhlt den Stein. In einer alternden Gesellschaft brauchen wir qualifizierte Fachkräfte nötiger denn je. Das setzt ein attraktives Berufsbild und angemessene Gehälter voraus.

Frau Neusetzer, welche langfristigen Folgen haben magere Gehälter?

Neusetzer: Niedrige Einkommen plus Teilzeitjobs sind keine Basis, um den eigenen Ruhestand über die gesetzliche Rente abzusichern. Dagegen haben wir zusammen mit dem ADA einen tariflichen Baustein geschaffen: die arbeitgeberfinanzierte, betriebliche Altersvorsorge. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass an erster Stelle Gehälter stehen müssen, die eine entsprechende Absicherung überhaupt ermöglichen. Und zwar ohne darauf zu vertrauen, dass Partner – meist Männer – in anderen Branchen schon genug Geld nach Hause bringen werden. In diesem Zusammenhang schaffen steuerliche Maßnahmen wie das Ehegattensplitting falsche Anreize. Vielmehr sollte der Staat die fiskalen Berechnungsgrundlagen bei unteren und mittleren Einkommen anpassen.

Frau Neusetzer, Frau Kratt, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Michael van den Heuvel


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