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06. Januar 2012

Interview mit dem ADEXA-Vorstand: „Tarifstandards setzen heißt Personalmangel bekämpfen“

Tanja Kratt, Barbara Neusetzer (v.l.).

2011 stand zunächst ganz unter dem Eindruck des Spargesetzes AMNOG. Zum Herbst gab das ABDA/KBV-Modell neue Hoffnung und ab Mitte Oktober dreht sich in der Berufspolitik alles um den Entwurf der Apothekenbetriebsordnung. Worauf müssen sich Apothekenangestellte im Jahr 2012 einstellen? Ein Interview mit den beiden ADEXA-Vorsitzenden Barbara Neusetzer und Tanja Kratt:

Frau Neusetzer, welche berufspolitisch prägenden Ereignisse des letzten Jahres werden auch 2012 für die Mitarbeiter in öffentlichen Apotheken wichtig sein oder werden?
Neusetzer: Zunächst wird im Januar die Honorierung des Großhandels aufgrund des AMNOG umgestellt. Die Auswirkungen auf die einzelnen Apotheken werden voraussichtlich sehr unterschiedlich sein und dürften insbesondere von der jeweiligen Verhandlungsposition abhängen.   
Wenn der knappe Zeitplan des Bundesgesundheitsministeriums zur Novellierung der Apothekenbetriebsordnung eingehalten wird, müssten wir uns ab März auf die Auswirkungen der Verordnung einstellen – wie genau sie dann aussieht, bleibt abzuwarten. Allerdings gab es bereits eine erste Verschiebung der Kabinettsabstimmung, die ursprünglich zum 20. Dezember 2011 geplant war. ADEXA hat sich jedenfalls ausdrücklich gegen „Apotheken light“ ausgesprochen – und damit gegen alles, was qualifizierte Ausbildungs- und Arbeitsplätze gefährden kann.
Auch an der Novellierung der PKA-Ausbildung arbeitet ADEXA mit. Hier könnte die Neuordnung bereits im August erfolgen, die die Ausbildung der PKA attraktiver und zeitgemäßer gestalten wird.

Wie beurteilen Sie das Versorgungsstrukturgesetz aus Sicht der Angestellten?
Neusetzer: Der Bundestag hat am 1. Dezember den Gesetzentwurf zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (VStG) verabschiedet. Ob das Gesetz wirklich dazu beiträgt, die Versorgung der Patienten flächendeckend zu gewährleisten, sei einmal dahingestellt. Erfreulich ist allerdings, dass der neue Paragraf § 64a SGB V der Selbstverwaltung von Kassen, Apothekern und Ärzten auf Landesebene die Durchführung eines "Modellvorhabens zur Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Arzneimittelversorgung" ermöglicht.
Hier findet also das ABDA/KBV-Modell Einzug in das Gesetz, das ein Medikationsmanagement für multimorbide Patienten mit mehr als fünf Medikamenten vorsieht. Das sehe ich als einen Schritt in die richtige Richtung, auch was die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufe im Gesundheitswesen angeht. Eine Abstimmung zwischen Arzt und Apotheker kann dazu beitragen, dass die Versorgung der Patienten optimiert und die Compliance verbessert wird.

Frau Kratt, was hat sich die ADEXA-Tarifkommission für dieses Jahr als Ziele gesetzt?
Kratt: Den knapp 18.000 Apothekeninhabern stehen ca. 130.000 Mitarbeiter in Offizin und Backoffice zur Seite. Wenn Apotheken mit ihren Leistungen für die Patienten noch dauerhaft in der bisherigen Form Bestand haben wollen, sind gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Erfolgsgaranten. Aber deren Arbeitsbedingungen und Gehälter müssen an die wachsenden Anforderungen und steigenden Lebenshaltungskosten angepasst werden, wenn auch in Zukunft noch ausreichend Personal vorhanden sein soll.
Ziel ist es also, für alle Bundesländer und alle Mitarbeiter Tarifstandards zu schaffen, die den aktuellen Status quo, aber auch die Zukunft der Arbeitsplätze in öffentlichen Apotheken berücksichtigen.  

Wie ist die Umsetzung der tariflichen Altersvorsorge bisher gelaufen? Gibt es in diesem Jahr neue Perspektiven?
Kratt: Zunächst war der Informationsbedarf unserer Mitglieder verständlicherweise sehr groß, denn es handelt sich bei dem tariflichen Altersvorsorgevertrag ja um eine Neuheit im Tarifgefüge. Die Informationsveranstaltungen, die wir angeboten haben, waren gut besucht, und außerdem haben sich sehr viele Mitglieder auch telefonischen oder schriftlichen Rat eingeholt. In welcher Größenordnung nun genau Verträge abgeschlossen wurden, lässt sich erst sagen, wenn wir die für Anfang 2012 geplante Mitgliederbefragung durchgeführt haben.
Ab sofort werden bei der von ADEXA und ADA empfohlenen ApothekenRente bereits die sogenannten Unisex-Tarife angeboten. Die Versicherungen dürfen nämlich spätestens ab Ende 2012 nur noch geschlechterneutrale Versicherungsangebote machen. Bei der Rentenversicherung ein Vorteil für Frauen, da sie bisher aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung höhere Beiträge entrichten mussten, um die gleiche Rentenleistung zu bekommen wie männliche Versicherte. Damit lässt sich der seit Jahresbeginn gesunkene gesetzliche Garantiezins tendenziell ausgleichen.   

Frau Neusetzer, was wird ADEXA im kommenden Jahr für die Mitglieder bieten? Warum ist es für jede/n Angestellte/n wichtig, sich gewerkschaftlich zu organisieren?
Neusetzer: Unser erstes Ziel ist natürlich, Tarifverhandlungen zu führen, die für alle tarifgebundenen Mitglieder von ADEXA zu einem angemessenen Lohnanstieg führen.
Außerdem wird der Service von ADEXA für unsere Mitglieder kontinuierlich weiter ausgebaut, gerade auch was die Rechtsberatung anbelangt. Angebote werden wir besonders für Berufseinsteiger und Pharmaziestudierende ausweiten, denn die sind die Zukunft der Apotheken und auch unsere Zukunft.
Da der erste Erlebnis- und Gewerkschaftstag im letzten Jahr in Köln sehr erfolgreich war, werden wir dieses Angebot auch 2012 wieder bieten – und zwar am 21. April in Hamburg. Alle Interessierten lade ich hiermit ein, sich diesen Tag schon vorzumerken. Das Programm werden wir in Kürze auf unserer Homepage veröffentlichen.
Alle Teilnehmer können sich an diesem Tag noch einmal davon überzeugen, wie wichtig die Mitgliedschaft bei ADEXA ist. Viele haben das schon erkannt, was wir an deutlichen Mitgliederzuwächsen sehen. Das freut uns natürlich und bestärkt uns in unserer Arbeit.

Frau Neusetzer, Frau Kratt, vielen Dank für das Gespräch!

Fragen: Dr. Sigrid Joachimsthaler

 

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