Kinder krank, Mutter zu Hause: Warum die Last der Fürsorge noch immer ungleich verteilt ist

Wenn Kinder krank werden, bleiben meist die Mütter zu Hause. Eine aktuelle Auswertung der AOK zeigt, dass Frauen auch 2025 fast drei Viertel aller Kinderkrankentage übernommen haben. Aus gewerkschaftlicher Sicht liegt dies nicht nur an traditionellen Rollenbildern, sondern auch an struktureller Benachteiligung im Arbeitsleben.
Mehr als 50 Jahre nach Einführung des Kinderkrankengeldes übernehmen Frauen weiterhin den größten Teil der Betreuung kranker Kinder. Laut einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK wurden im Jahr 2025 bundesweit 73 Prozent aller Kinderkrankentage von Frauen genommen, während auf Männer lediglich 27 Prozent entfallen sind. Besonders ausgeprägt ist die Ungleichverteilung in Bayern, wo Frauen sogar 77 Prozent der Kinderkrankentage übernahmen.
Die Zahlen machen deutlich, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch zulasten der Frauen geht. Obwohl beide Elternteile den gleichen gesetzlichen Anspruch auf Kinderkrankentage haben, wird dieses Recht von Vätern deutlich seltener genutzt.
Finanzielle Anreize verstärken die Ungleichheit
Aus Sicht von ADEXA sind die Ursachen nicht allein in traditionellen Rollenbildern zu suchen. Kinderkrankentage bedeuten für Angestellte Einkommenseinbußen, weil das Kinderkrankengeld in der Regel nur 90 Prozent des ausgefallenen Nettolohns ersetzt. Zudem ist die Leistung gedeckelt; es werden Sozialversicherungsbeiträge abgezogen.
Da Männer im Durchschnitt höhere Einkommen erzielen als Frauen, entscheiden sich viele Familien eben auch aus wirtschaftlichen Gründen dafür, dass die Mutter die Betreuung übernimmt. Damit verstärken bestehende Lohnunterschiede die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit. ADEXA kritisiert seit Jahren, dass solche Mechanismen die wirtschaftliche Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben weiter zementieren.
Kürzungen wären das falsche Signal
Deshalb bewertet ADEXA die Entscheidung der Bundesregierung positiv, die zwischenzeitlich diskutierte Kürzung des Kinderkrankengeldes nicht weiterzuverfolgen. Eine Verringerung der Leistung hätte insbesondere Familien mit geringeren Einkommen getroffen und bestehende Ungleichheiten weiter verschärft.
Für ADEXA bleibt die Forderung nach einer besseren finanziellen Absicherung von Eltern aber eines der zentralen Themen im Sozialrecht. Kinderkrankengeld ist nicht nur eine Leistung, sondern ein wichtiges Instrument, um Familien in Belastungssituationen zu unterstützen. Die aktuellen AOK-Zahlen zeigen, dass auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit noch erheblicher Handlungsbedarf besteht.
Michael van den Heuvel
Quelle:
AOK-Bundesverband: AOK-Auswertung zum Kindertag: 73 Prozent der Kinderkrankentage wurden im Jahr 2025 von Frauen genommen. Pressemitteilung vom 1. Juni 2026. Grundlage der Analyse sind Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Berlin 2026.



