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19. Mai 2014

Offener Brief an den Sächsischen Apothekerverband (SAV)

Sehr geehrte Frau Koch, sehr geehrter Herr Dr. Bethge, sehr geehrte Damen und Herren des Sächsischen Apothekerverbandes (SAV),

in Leipzig, Dresden und Chemnitz treffen sich ADEXA-Mitglieder regelmäßig zu einem informellen Austausch. Bei diesen Infotreffs werden tarif- und berufspolitische Informationen mitgeteilt und arbeitsrechtliche Themen angesprochen. Gleichzeitig wird über die aktuelle Situation in der Apotheke diskutiert. Dabei fragen die Kolleginnen und Kollegen immer wieder nach der Tarifsituation in Sachsen.

In einem MDR-Interview vom 5. Mai haben Sie, Herr Dr. Bethge, gesagt, Sie würden den SAV-Mitgliedern stets empfehlen, sich am Bundestarif zu orientieren.  Beim letzten Treffen in Leipzig haben lediglich zwei von zehn Angestellten bei der Frage, ob sie nach Tarif bezahlt werden, die Hand gehoben. Aber auch bei denen wird das tarifliche 13. Gehalt nicht oder nur zu 50 Prozent gezahlt. Also weit gefehlt mit Tarifbedingungen.

Um seine Mitarbeiter zu motivieren und zu guten Leistungen anzuspornen, ist aber mindestens ein Tarifgehalt nötig, d. h. ein Gehalt auf Niveau der Kolleginnen und Kollegen in anderen Kammerbezirken. Doch schon die Praktikumsvergütung für PTA wird in Sachsen oft eingespart – das ist beschämend für den Berufsstand.

Angeboten werden Gehälter bis 30 Prozent unter dem aktuellen Tarif – und wer das nicht akzeptieren will, bekommt eben die Anstellung nicht. Viele Mitarbeiter haben schon seit Jahren keine Gehaltserhöhung erfahren. Sehr oft werden Kollegen auch in Probezeit eingestellt, um einen Engpass wie Urlaub, Babyjahr oder Krankheit zu überbrücken. Bevor diese abgelaufen ist, werden sie verabschiedet. Junge Kollegen, aber auch berufserfahrene Kolleginnen nach einem Arbeitsplatzwechsel bekommen nur den gesetzlichen Mindesturlaub von 24 Tagen. Ein Unterschied von 9 Tagen gegenüber Bundestarif bzw. minus 27 Prozent!

Da Sachsen-Anhalt nicht weit ist, gibt es einige Kollegen, die für bessere Arbeitsbedingungen lange Arbeitswege dorthin nicht scheuen.

Nicht zuletzt muss noch der Nachtdienst erwähnt werden. Liegt keine Tarifbindung vor, darf man die Vergütung von sieben Stunden wie bisher im Bundesrahmentarifvertrag nicht zugrunde legen. De facto müssen hier alle Stunden 1:1 gewährt werden! Was meinen Sie, wie viele sächsische Arbeitgeber sich daran halten? Das heißt, man pickt sich die arbeitgeberfreundlichen Rosinen aus den Tarifverträgen heraus, wendet die arbeitnehmerfreundlichen aber nicht an. Das ist ein Machtmissbrauch, dem eben das gesetzliche legitimierte Tarifsystem einen Riegel vorsetzen soll –auch nach dem Willen der aktuellen Regierung.

Nun steht Sachsen unter Erfolgsdruck bei der Umsetzung von ARMIN. Das wird ohne motivierte Mitarbeiter nicht möglich sein! Es wirft kein gutes Licht auf die sächsischen Apotheker, wenn solch ein ambitioniertes Vorzeigeprojekt ohne Tarifbindung und teilweise mit Gehältern unter oder an der Grenze zum Mindestlohn durchgeführt wird. Eine berufspolitische Solidarität mit den Arbeitgebern ist nach 16 Jahren grob unsolidarischem Verhalten der Arbeitgebervertreter für uns als sächsische Gewerkschaftsmitglieder derzeit nicht vorstellbar.

Mit Blick auf die Lage der gesamtdeutschen und insbesondere der sächsischen Apotheken – Stichwort Nachwuchsmangel, ARMIN, Leitbild, Honorierungsdebatte – ist ein positives Signal vom SAV in Richtung Gewerkschaft und Wiederaufnahme von Tarifverhandlungen überfällig.

Freundliche Grüße

Birgit Engelmann
im Namen der TeilnehmerInnen des Infotreffs Leipzig und der Landesgruppe Sachsen

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