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31. Mai 2013

Reformen für eine neue Ordnung der Arbeit: „Was Deutschland von seinen Nachbarn lernen kann“

Sinkende Tarifbindung, ein wachsender Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse: Deutschlands Arbeitsmarkt ist zwar relativ stabil, aber nicht gesund. Auf einer Tagung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung und des DGB am 29. Mai in Berlin erläuterte Prof. Dr. Brigitte Unger, Wissenschaftliche Direktorin des WSI, in welchen Bereichen sich die deutsche Politik die EU-Nachbarländer zum Vorbild nehmen kann und sollte. 

Viermal Minus und ein Plus für den deutschen Arbeitsmarkt– so könnte man die Ausgangsanalyse von Unger zusammenfassen:

  1. Der Anteil „atypischer“ Arbeitsverhältnisse ist in den letzten zwanzig Jahren von einem Fünftel auf mehr als ein Drittel gestiegen und liegt hierzulande höher als in den meisten anderen EU-Staaten. Das heißt, einer von drei abhängig Beschäftigen arbeitet befristet, in Teilzeit, als Leiharbeiter oder in einem Minijob.  
  2. Fast 60 Prozent dieser atypisch Beschäftigten erhalten einen Niedriglohn.
  3. Seit Mitte der 90er Jahre sank die Tarifbindung von knapp 80 auf rund 60 Prozent, während der Niedriglohnsektor deutlich wuchs.
  4. Frauen verdienen in Deutschland im EU-Vergleich wesentlich schlechter als ihre männlichen Kollegen.
  5. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern, was dem dualen System zu verdanken ist.

Ein Beispiel nehmen sollte sich die deutsche Politik nach Ungers Meinung in folgenden Aspekten:

Mindestlohn: Allgemeine, gesetzliche Mindestlöhne haben knapp drei Viertel aller EU-Länder – und fahren gut damit. Unger empfiehlt das britische Modell, bei dem der Mindestlohn von einer Kommission aus Gewerkschaften, Arbeitsgeberorganisationen und wissenschaftlichen Experten festgelegt wird. Eine gesetzliche Lohnuntergrenze sei auch ein gutes Instrument gegen den ausgeprägten Gender Pay Gap. Um die geschlechtsspezifische Lohnlücke zu verringern, seien außerdem ausreichend Kinderbetreuungsangebote und eine Frauenquote für Führungspositionen nötig.

Tarifbindung: Nach Tarif bezahlte Arbeitnehmer erhalten seltener einen Niedriglohn. In benachbarten EU-Staaten ist der Grad der Tarifbindung mit bis zu 97 Prozent erheblich höher als in Deutschland, weil zum Beispiel Tarifverträge eher für allgemeingültig erklärt werden.

Eindämmung von Minijobs und Leiharbeit: Statt einer weiteren Deregulierung, die zu mehr geringfügigen Arbeitsverhältnissen führe, müssten Minijobs und Leiharbeit wieder stärker reguliert und reduziert werden. Entlohnung, Arbeitsplatzsicherheit und Weiterbildungschancen müssten für diese Arbeitnehmer verbessert werden. Frankreich und Großbritannien bieten hier laut Unger positive Beispiele.

„Europa am Scheideweg"

Auf dem Arbeitsmarkt könne Europa wählen zwischen einer „Low Road“ in Richtung Billiglöhne und prekärer Jobs, so Ungers Fazit, oder aber der „High Road“, auf der sich Innovation, Qualifikation und betriebliche Flexibilität mit Sicherheit und Mitbestimmung kombinieren lasse. Für Deutschland sei nur letzteres eine geeignete Option.

Dr. Sigrid Joachimsthaler

Quelle: WSI-Pressemitteilung vom 29.5.2013

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