News

zurück zur Übersicht AKTUELLES >>

17. März 2012

Schulbildung: Chancengleichheit - Fehlanzeige

Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) sorgt für Aufsehen: Das Papier zeigt eklatante Defizite in den Schulsystemen verschiedener Bundesländer auf – Chancengleichheit sucht man oft vergebens. Die Forscher kritisieren zudem, wer einmal ausgesiebt würde, habe schlechte Chancen, den Aufstieg wieder zu schaffen.

In Deutschland ist das Elternhaus nach wie vor entscheidend für die Schullaufbahn: Kinder aus sozial benachteiligten Familien etwa haben eine um den Faktor fünf geringere Chance, das Gymnasium zu besuchen. Allerdings sind die Unterschiede regional stark ausgeprägt: In Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sehen höhere Schulen lieber Kinder aus gebildetem, reichem Elternhaus, bei gleicher Leistung kommen diese sechs Mal häufiger auf das Gymnasium als Arbeiterkinder. Dafür fanden Wissenschaftler in Bremen doppelt so oft wie in Brandenburg einen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Lesekompetenz. Mit der Hochschulzugangsberechtigung sieht es nicht anders aus: Während in Baden-Württemberg, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen oder in Hamburg mehr als die Hälfte der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten das „Abi“ bekommt, sind es in Mecklenburg-Vorpommern gerade einmal 36 Prozent. Sachsen hingegen bekam ein relativ durchlässiges Schulsystem bescheinigt: Kinder aus unteren Sozialschichten haben auf dem Gymnasium gute Chancen, nur wenige bleiben sitzen.

Schlechte Förderung, schlechte Betreuung

Auch bei der gezielten Unterstützung schwacher Schüler offenbaren sich regionale Diskrepanzen: Beispielsweise müssen in Sachsen-Anhalt drei Mal mehr Kinder eine Förderschule besuchen als in Schleswig-Holstein, und 14 Prozent aller Jugendlichen aus Mecklenburg-Vorpommern schaffen den Hauptschulabschluss nicht. Je nach Bundesland gelingt der Weg aus der Förder- in die Regelschule nur in 0,3 bis 3,8 Prozent aller Fälle. Die Betreuungssituation ist genauso unterschiedlich: In Bayern bekommt nur jeder Zehnte einen Platz in der Ganztagsschule, in Sachsen hingegen nehmen drei von vier Kindern diese Möglichkeit wahr. „Hier bestehen Gerechtigkeitslücken, denn sowohl die Ganztagsschule als auch der Besuch einer Regel- statt einer Förderschule steigern die Bildungschancen“, sagt Jörg Drager, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung.

Bildungserfolg: nicht generell leistungsabhängig

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt erheblichen Nachholbedarf im deutschen Schulsystem. Gut hat keine Region abgeschnitten – laut IFS-Wissenschaftler Professor Wilfried Bos gäbe es in allen Bundesländern Nachholbedarf. Besonders problematisch bewerten die Autoren vor allem den Einfluss des Elternhauses auf die Schulbildung. Jörg Drager: „Wir können es nicht hinnehmen, wenn Bildungserfolg in erheblichem Maße von der Herkunft abhängig ist.“ Möglicherweise identifizierte das Forschungsprojekt jedoch nicht alle Schwachpunkte. Die Kultusministerkonferenz weigerte sich nämlich, Daten zur Integration von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung herauszugeben. Eine weitere Baustelle?

Michael van den Heuvel

 

Weitere Informationen:

Chancenspiegel – Zur Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme: http://tinyurl.com/7dn646n 

 

zurück zur Übersicht AKTUELLES >>