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07. Dezember 2012

Studienergebnisse: „Pflege trifft Frauen doppelt“

Im Schnitt müssen Frauen rund 45.000 Euro für ihre Pflege aus eigener Tasche bezahlen, so der Pflegereport 2012 der Barmer GEK. Bei Männern sind es aufgrund kürzerer Lebenserwartung weniger als die Hälfte (21.000 Euro). Von den rund 6 Millionen Deutschen, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen zumindest teilweise selbst zu Hause betreuen, sind zwei Drittel weiblich, so eine weitere Studie. Dafür treten die Frauen häufig beruflich kürzer, mit negativen Folgen für die eigene Altersvorsorge.

Von den Frauen, die Familienangehörige pflegen, sind nur 42 Prozent berufstätig – überwiegend in Teilzeitstellen. Kein Wunder, denn jede zweite wendet mehr als drei Stunden täglich für die Betreuung auf. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der R+V Versicherung. Die „typische Pflegende“ ist danach 61 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie ist nicht berufstätig und pflegt länger als drei Jahre,

Mit Blick auf das steigende gesetzliche Mindestrentenalter von 67 Jahren lässt sich leicht absehen, welche Auswirkungen sich für die eigene Altersabsicherung der pflegenden Frauen ergeben. Dabei haben sie im Vergleich zu Männern ohnehin einen höheren Bedarf: Fünf Jahr mehr an Lebenserwartung führen zu einem durchschnittlich mehr als doppelt so hohen Eigenanteil bei den Pflegekosten. 

Bei Frauen summieren sich die privaten und gesetzlichen Pflegekosten auf knapp 84.000 Euro, bei Männern auf 42.000 Euro.

Insgesamt zahlen die Pflegekassen im Schnitt für eine bzw. einen von rund 2,46 Millionen Pflegebedürftigen rund 33.000 Euro, dazu kommen 31.000 Euro aus der eigenen Tasche.

Für Barmer-GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker belegen diese Zahlen, „dass die Pflegeversicherung immer eine Teilkaskoversicherung war, ist und bleiben wird“.

Hilft der „Pflege-Bahr“?

Als Tropfen auf dem heißen Stein kritisiert Schlenker die 60 Euro staatlichen Zuschuss für die private Pflegeversicherung, auf die ab Jahresbeginn 2013 Anspruch hat, wer selbst mindestens 10 Euro monatlich in eine solche Zusatzversicherung steckt. Viele Niedrigverdiener werden sich aber nicht einmal diese 120 Euro im Jahr leisten können. Die entsprechende „Verordnung zur Durchführung der Zulage für die private Pflegevorsorge“ wurde vom Bundeskabinett Ende November verabschiedet und tritt  zusammen mit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz in Kraft.

Dr. Sigrid Joachimsthaler


Weitere Ergebnisse des Pflegereports

  • Der Anteil der zu pflegenden Menschen an der Bevölkerung ist zwischen 1998 und 2010 auf 2,4 Prozentpunkte gestiegen – ein Zuwachs um 5 Prozent.
  • Die Zahl der Pflegebedürftigen ist 2011 erstmals weniger stark gewachsen.
  • Der Anstieg ist regional sehr unterschiedlich: In den östlichen Bundesländern, insbesondere in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, ist der Zuwachs wesentlich höher als im Westen.
  • Innerhalb der Pflegestufen gewinnt die Stufe 1 an Bedeutung. Hier stieg der Anteil um 35 Prozent.
  • Die Kurzzeitpflege gewinnt an Bedeutung und hat sich von 1998 bis 2011 verdreifacht, gleichzeitig stieg die Zahl der Pflegebedürftigen nur um 20 Prozent.
  • An die Kurzzeitpflege schließt sich immer öfter eine vollstationäre Dauerpflege an (2011: 30 Prozent); 17 Prozent sterben nach einer Kurzzeitpflege.

Quellen: Barmer GEK, Pflegereport 2012, R+V-Studie: Bald 27 Millionen Deutsche mit Pflegefall in der Familie

 

Kommentar: Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Frauen sollen und müssen besser ins Arbeitsleben integriert werden, darüber besteht weitgehend Konsens. Eine Folge: Vor Eintritt des Rentenalters werden sich die zeitaufwändige private Pflege von Angehörigen künftig immer weniger Arbeitnehmerinnen leisten können, wenn sie keine existenzgefährdenden Abschläge bei der Altersvorsorge riskieren wollen. Blickt man gleichzeitig auf die wachsende Lücke bei den professionellen Pflegekräften, wird ein massives Problem deutlich, das nur mit gemeinsamen Anstrengungen von Staat, Arbeitgebern und Familien zu bewältigen sein wird: bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegeberufe, stärkere Förderung für die häusliche Pflege, mehr Verständnis sowie Unterstützung und flexiblere Rahmenbedingungen für pflegende Mitarbeiter (Frauen und Männer!) in den Betrieben. Eine Möglichkeit zur Mitarbeiterbindung könnten beispielsweise Arbeitgeberbeiträge zur privaten Pflegeversicherung sein.

Barbara Neusetzer

 

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