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17. Mai 2013

Studienergebnisse zum Arbeitsmarkt: Sozialpolitischer Sprengstoff

Foto: Marco-Wydmuch / Fotolia
Frauengehälter müssen existenzsichernd sein, auch für eine Familie.

Die Hans-Böckler-Stiftung und deren Wirtschafts- und Sozial­politisches Institut (WSI) veröffentlichen regelmäßig Studien und Beiträge zum deutschen Arbeitsmarkt. Neue Artikel zeigen zahlreiche Problemfelder auf: vom Trend zu mehr Teilzeitstel­len über fehlende Vorruhestandsmodelle bis zu Familienbil­dern, die neue Konzepte der Entlohnung erforderlich machen.

Seit mehr als zehn Jahren steigt die Alterserwerbstätigkeit an, so ein Ergebnis des aktuellen Al­tersübergangs-Reports. An sich eine gute Nachricht, dennoch fanden Sarah Mümken und Martin Brussig vom Institut Ar­beit und Qualifikation (IAQ) ne­gative Effekte, wie von zahlrei­chen Gewerkschaften befürchtet: Im Zeitraum von 2008 bis 2011 wurden immer mehr KollegIn­nen zwischen 60 und 64 ar­beitslos, der  Anteil stieg von 2,9 auf 7,3 Prozent. In allen anderen Altersgruppen verringerte sich die Arbeitslosenquote. „Vor dem Hintergrund der Rente mit 67 sind gewaltige Probleme zu er­warten“, sagt ADEXAs Erste Vorsitzende Barbara Neusetzer. „Für viele Angestellte gibt es keinen Übergang in den Ruhe­stand mehr, sondern Jahre ohne Job.

Arbeitslosigkeit als Vorruhe­standsmodell?

Dabei, so konstatierten Mümken und Brussig, seien nicht einmal fehlende Arbeitsplätze das Grundproblem. Vielmehr hätten Reformen des Arbeitsmarkts und des Rentensystems „den Umfang der stillen Reserve beziehungs­weise der verdeckten Arbeitslo­sigkeit reduziert, jedoch nicht das reale Ausmaß der Unterbe­schäftigung beeinflusst“. Ein Beispiel: Mit der sogenannten 58er-Regelung bezogen Bürger ab 58 Arbeitslosengeld unter er­leichterten Bedingungen. Sie mussten keine Bildungsangebote in Anspruch nehmen – die es für ältere KollegInnen ohnehin kaum gibt. In Rente gingen Be­troffene, sobald sie Anrecht auf vorgezogenes Altersruhegeld in voller Höhe hatten. Da entspre­chende Regelungen seit Anfang 2008 passé sind, müssen sich Arbeitnehmer über 59 immer häufiger Jobs suchen. Brussig: „Wenn sich die Arbeitsvermitt­lung nicht daran beteiligt, sozi­alversicherungspflichtige Be­schäftigung auch für ältere Ar­beitslose zu erschließen und sie dafür auch zu fördern, verstärkt sich die soziale Schieflage der Rente ab 67.“

Arbeitnehmerinnen: Trend zur Teilzeit

Eine weitere Arbeit untersuchte speziell Arbeitszeitmodelle von Frauen. Zwischen 1991 und 2010 hat sich die Zahl an Ar­beitnehmerinnen, die 36 bis 39 Stunden wöchentlich arbeiten, von einem Drittel auf ein Sechstel halbiert. Der Anteil von Arbeitsverhältnissen mit 40 und mehr Stunden ist im selben Zeit­raum etwa gleich geblieben. Zeitgleich gewannen Anstel­lungsverhältnisse mit maximal 14 Stunden an Bedeutung (1991: 6 Prozent, 2010: 14 Prozent). Im Teilzeitbereich von 15-20 Wo­chenstunden und 21-30 Wochen­stunden sind ebenfalls Zuwächse nachweisbar. Und 1991 waren nur 3 Prozent in vollzeitnaher Teilzeit (31 bis 35 Stunden) tä­tig, im Jahr 2010 trifft dies auf rund 6 Prozent zu. Barbara Neusetzer weist auf Rentenlücken hin, die nach jah­relanger Teilzeitarbeit entstehen: „Kolleginnen, meist sind ja Frauen betroffen, sollten sich beraten lassen und ergänzende Modelle wie die tarifliche Al­tersvorsorge in Erwägung zie­hen.“ Ausdrücklich warnt Neusetzer davor, sich in puncto Rente gänzlich auf das Einkommen eines gut verdienenden Partners zu verlassen. 

Das Einverdiener-Modell: bald Geschichte?

Noch bis in die 1950er-Jahre hinein prägten Westdeutschlands Politiker das Idealbild vom Mann als Verdiener und Ernäh­rer der Familie. Durch neue Wertevorstellungen, aber auch durch ökonomische Zwänge hat das riskante Modell längst an Bedeutung verloren. Für ost­deutsche Paare waren Jobs für beide Partner ohnehin üblich – das staatliche System zur Kin­derbetreuung funktionierte flä­chendeckend, wenn auch nicht ohne ideologische Hintergedan­ken. Heute seien niedrige Ein­kommen meist bei Arbeitnehme­rinnen zu finden, jedoch keines­wegs auf hinzuverdienende Frauen beschränkt, so die Ex­perten des WSI. Faire Bezahlung bleibt vor allem im Erziehungs-, Pflege- und Dienstleistungsbereich die Ausnahme. Jenseits bekannter Probleme sehen Autoren der aktuellen „WSI-Mitteilungen“ noch andere Gründe, die gegen männerspezifische Einverdiener-Modelle sprechen: Immer mehr Beschäftigte haben befristete Arbeitsverträge, und auf Phasen des Erwerbs folgen Perioden ohne Anstellung. Hinzu kommen stagnierenden Reallöhne.

Frauengehälter: ausreichend auch für eine Familie!

Ein Fazit: Derzeit erwirtschaften allenfalls westdeutsche Männer noch „Ernährerlöhne“, die – be­zogen auf alle Haushaltsmitglie­der – über der Armutsgrenze lie­gen. Frauen und ostdeutsche Männer seien auf Familienein­kommen mit mehreren Gehältern und gegebenenfalls sozialstaatli­chen Transfers angewiesen, heißt es in der Studie. Besonders gut geht es aus ökonomischer Sicht Paaren mit zwei Einkom­men, aber ohne Kinder. Barbara Neusetzer: „Wir brauchen in Zukunft Gehälter, die es beiden Geschlechtern in jeder realisti­sche Familienkonstellation er­möglichen, zu arbeiten und eine Familie zu gründen.“ Erwerbs­tätigkeit, Babypausen, aber auch Pflegezeiten für Angehörige müssten besser ineinandergrei­fen: ohne Verlust der aktuellen Existenzsicherung, aber auch ohne Rentenlücke im Alter.

Michael van den Heuvel

Quellen: 

  • Sarah Mümken und Martin Brus­sig: Arbeitslosigkeit: Unter den 60- bis 64-Jährigen deutlich gestie­gen, Altersübergangs-Report 1/2013: Weiter...
  • Dietmar Hobler, Svenja Pfahl und  Sonja Weeber: Frauen arbeiten zunehmend kürzer: Weiter...
  • WSI-Mitteilungen, Themenheft „Neues Familienbild: Vom (meist männlichen) Ernährerlohn zum Familieneinkommen“: Weiter...

 

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