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24. Juli 2014

Wirtschaftsexperten fordern Trendwende: Spielraum für höhere Lohnabschlüsse

Gewerkschaften und Angestellte bekommen bei ihrer Forderung nach höheren Tarifabschlüssen unerwartete Rückendeckung: Führende Ökonomen sprechen sich für höhere Löhne aus. Sie fürchten eine Deflation – und damit sinkende Preise.

Neue Zahlen zur Situation von Angestellten: Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtet, sind Reallöhne in Deutschland vom ersten Quartal 2013 bis zum ersten Quartal 2014 um 1,3 % gestiegen. Dies ist der höchste Reallohnanstieg seit Mitte 2011. Mit dem Begriff Reallohn wird die Kaufkraft des Lohnes bezeichnet, es handelt sich um den inflationsbereinigten Nominallohn. Experten sehen niedrige Reallöhne zunehmend mit Sorge.

„Verantwortungsbewusste Lohnzurückhaltung“

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kommentiert, Reallöhne von mehr als der Hälfte der deutschen Arbeitnehmer seien in den letzten 15 Jahren gefallen. Laut Jens Ulbrich, Chefökonom der Bundesbank, hätten Tarifpartner ohnehin „sehr verantwortungsbewusst Lohnzurückhaltung“ geübt. Die Lohnentwicklung in Deutschland sei „vor dem Hintergrund der guten konjunkturellen Lage, der niedrigen Arbeitslosigkeit und der günstigen Perspektiven durchaus moderat“. Und Fratzscher ergänzt: „Wenn man eine längerfristige Perspektive einnimmt, kann die Lohnentwicklung auch für ein, zwei Jahre über den Verteilungsspielraum hinausgehen.“

Inflationsziele einhalten

Solche Argumente erstaunen auf den ersten Blick. Hatte die Zentralbank jahrelang vor vermeintlich überzogenen Lohnabschlüssen gewarnt, ist jetzt vom Gegenteil die Rede. Zum Hintergrund: Höhere Lohnabschlüsse könnten verhindern, dass die Inflation noch stärker unter den Zielwert der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent sinkt. „Unser Beurteilungsmaßstab als Notenbank ist einzig die Preisstabilität“, erklärt Ulbrich. Während Experten früher ständig warnten, zu hohe Abschlüsse würden die Inflation nach oben treiben, hat sich das Blatt jetzt gewendet. Vielerorts taucht das Schreckgespenst der Deflation auf: einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, sinkendem Konsum und sinkenden Löhnen.

Steigende Tarifgehälter

„Lohnerhöhungen sind angesichts der guten Konjunktur, der schwachen Inlandsnachfrage der vergangenen Jahre und der drohenden Deflation ökonomisch allemal gerechtfertigt“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell. Laut Auswertungen des WSI-Tarifarchivs der Hans-Böckler-Stiftung stiegen Tarifgehälter in 2014 so stark wie selten zuvor – und zwar um durchschnittlich 3,1 Prozent. Dieser Wert liegt über den Vorjahren und auch deutlich oberhalb der erwarteten Inflationsrate, weshalb hohe Reallohnsteigerungen anstehen.

Michael van den Heuvel

 

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