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19. Juni 2016

Ressentiments und Radikalisierung - die „Mitte“-Studie 2016 der Uni Leipzig

Alle zwei Jahre befragen Forscher der Universität Leipzig eine repräsentative Bevölkerungsgruppe nach ihren politischen Einstellungen. Die Ergebnisse für 2016 zeigen zwar keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen, aber mehr Gewaltbereitschaft und eine stärkere Polarisierung. Und: In der AfD haben die Rechtsextremen eine Heimat gefunden, so ein Fazit der aktuellen Studie. Auch bei Pegida-Anhängern ist das rechtsextreme Gedankengut stark ausgeprägt.

„Die enthemmte Mitte“ – unter diesem Titel wurde jetzt die neue Leipziger „Mitte“-Studie 2016 veröffentlicht. Die Langzeiterhebung findet seit 2002 statt und wurde zuletzt in Kooperation mit den Stiftungen der IG Metall, der Linken und der Grünen durchgeführt. Im Frühjahr wurden dazu 2.420 Personen zwischen 14 und 93 Jahren befragt.

Um rechtsextreme Einstellungen zu erfassen, dienten den Forschern dabei je drei Fragestellungen zu sechs Dimensionen:

  • Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur
  • Chauvinismus (übersteigerter Nationalismus)
  • Ausländerfeindlichkeit
  • Antisemitismus
  • Sozialdarwinismus
  • Verharmlosung des Nationalsozialismus

In weiteren Fragebögen wurde die Haltung zu Muslimen, Sinti und Roma, Asylbewerbern sowie zu Homosexuellen erfasst, sowie zu Gewaltbereitschaft, Sexismus, zum Vertrauen in Einrichtungen und Organisationen u. a.

Ergebnisse

Fast sieben Prozent der Befragten halten eine Diktatur unter bestimmten Umständen für die bessere Staatsform, in Ostdeutschland sind es sogar fast 14 Prozent. Einen „Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“ wünschen sich knapp elf Prozent, eine einzige starke Partei rund 22 Prozent (Ost: 25,5).

Jeder Dritte hält Deutschland bereits für „in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Diese Einstellung ist in Ostdeutschland sogar noch höher.

Auch nationalsozialistisches Gedankengut ist erschreckend weit verbreitet: Dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen sind, bejahen zwölf Prozent, und knapp zehn sind der Meinung, es gäbe wertvolles und unwertes Leben. Dass NS-Verbrechen in der Geschichtsschreibung weit übertrieben wurden, bejahen über sechs Prozent, und gute Seiten am Nationalsozialismus sehen über acht Prozent.

Eine Zustimmung zu allen drei Fragen je Dimension – als manifeste Ausprägung rechtsextremer Einstellung – hat jeweils niedrigere Prozentzahlen und findet sich in folgender Verteilung: 

  • Befürwortung Diktatur: 5,0 (O: 7,6; W:4,3)
  • Chauvinismus : 16,7 (O: 14,2; W: 17,4)
  • Ausländerfeindlichkeit 20,4 (O: 22,7; W: 19,8)
  • Antisemitismus: 4,8 (Ost: 4,1; W:5,0)
  • Sozialdarwinismus: 3,4 (O: 5,0; W: 3,0)
  • Verharmlosung Nationalsozialismus: 2,1 (O:1,4; W: 2,2)

Unterschiede gibt es bei den Altersgruppen. Dabei fällt insbesondere auf: In der Gruppe der 14- bis 30-Jährigen sind die Ostdeutschen durchgängig rechtsextremer eingestellt als westdeutsche junge Erwachsene.

„Zusammenfassend lässt sich die Ausprägung rechtsextremer Einstellung in Ost und West als ähnlich hoch beschreiben, wobei die Vorurteile in beiden Teilen Deutschlands thematisch unterschiedliche Schwerpunkte haben“, so das Fazit der Studienautoren.

Rechtsextremes Gedankengut und Parteipräferenz

Bei der Befragung wurde auch erfasst, welche Partei die Teilnehmer wählen würden. Dabei fällt auf, dass die Zustimmung zu rechtsextremen Haltungen bei Wählern bzw. Sympathisanten der AfD besonders hoch ist. Der Aussage „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ stimmen 86 Prozent zu (SPD: 48; CDU/CSU: 46; FDP: 45; Linke: 38; Grüne 25). Für durch Ausländer gefährlich überfremdet halten 72 Prozent der AfD-Wähler Deutschland (SPD: 32; FDP: 29; Union: 27; Linke: 16; Grüne 16).

Von denjenigen, die allen 18 Aussagen zustimmen und damit als manifest rechtsextrem gelten, würden 35 Prozent die AfD wählen und knapp 3 Prozent die NPD. 26 Prozent sind Nichtwähler. Auf die SPD entfallen immerhin 15 Prozent, CDU/CSU elf Prozent, Grüne vier und Linke drei Prozent.

AfD-Wähler neigen außerdem deutlich mehr zu Gewaltbereitschaft und -akzeptanz als alle anderen: 49 Prozent akzeptieren Gewalt als legitimes Mittel bei Auseinandersetzungen, über 47 Prozent sind selbst gewaltbereit.

Pegida und rechtsextreme Einstellung

Untersucht wurde außerdem die Zustimmung zu den Zielen der Pegida-Bewegung je nach Parteipräferenz. Rund 70 Prozent der AfD-Wähler befürworten demnach die Ziele der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Bei Nichtwählern sind es 30 Prozent und bei allen anderen Parteien zwischen 15 und 20 Prozent.

sjo

Quelle und weitere Infos: https://www.boell.de/de/2016/06/15/die-polarisierte-mitte-studie-leipzig-boell

 

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19. Juni 2016

Nur eine Empörungsbewegung? Ein Kommentar von ADEXAs Erster Vorsitzender Barbara Stücken-Neusetzer

Die Ergebnisse der diesjährigen „Mitte“-Studie sind alarmierend. Auch wenn sich die Gruppe derjenigen, die eine ausgeprägt rechtsextreme Gesinnung haben, im Osten lediglich leicht um 0,2 Prozentpunkte auf jetzt 7,6 Prozent erhöht hat und im Westen leicht gesunken ist auf 4,8 Prozent, so sind die meisten Details der Befragung doch verstörend – und sollten uns wachrütteln! Waren rechtsextreme Parteien früher eher marginalisiert, so hat sich mit der AfD jetzt eine Plattform etabliert, die rechtspopulistischem Gedankengut ein Sprachrohr und eine scheinbare demokratische Legitimierung geben.

Alle, die mit der Politik der bisherigen Parteien unzufrieden sind und daher der AfD ihre Wählerstimme und Pegida ihre Präsenz leihen, seien aber gewarnt, mit wem sie sich hier einlassen. Die Zeiten, wo in Deutschland über unwertes Leben geurteilt wurde, wo man Juden üble Tricks unterstellte und das deutsche Volk von Natur aus für überlegen hielt, dürfen nicht wiederkehren. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und das Recht des Stärkeren sind keine Einstellungen, die hierzulande wieder salon- und gesellschaftsfähig werden dürfen!

Für ADEXA als Gewerkschaft gilt: Wer sich als Heilberufler versteht, für den dürfen Nationalität, Religion, Hautfarbe und sexuelle Präferenz von Kunden wie Kollegen keine Rolle spielen.