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20. Mai 2016

Syrische Apotheker in Deutschland: Eine Strategie gegen den Fachkräftemangel?

Im deutschen Gesundheitswesen fehlen Fachkräfte. Öffentliche Apotheken sind besonders stark betroffen. Viele Chefs hoffen jetzt auf pharmazeutische Fachkräfte, die als Flüchtlinge zu uns kommen. Doch der Teufel steckt im Detail.

Das Gesundheitssystem in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Aufgrund der demographischen Entwicklung wird es in nächster Zeit mehr ältere, multimorbide Patienten geben. Gleichzeitig klagen alle Branchen, öffentliche Apotheken eingeschlossen, über zu wenige Fachkräfte. Bereits im Jahr 2012 zeigte eine Apokix-Studie gefährliche Entwicklungen. Über 60 Prozent aller befragten Apotheker hatten Probleme, geeignete Nachfolger zu finden oder rechneten mit Schwierigkeiten bei der Suche. Neue Trends kommen mit hinzu. Viele Berufsschulen bilden keine PKA mehr aus, und PTA-Fachschulen ringen finanziell um ihre Existenz. Können Flüchtlinge die Lücke schließen?

Keine Chance auf Anerkennung

„Bei uns war ein syrischer Apotheker, der in seiner Heimat eine Apotheke hatte“, erzählt Michaela Jäger. Sie ist Vorsitzende der ADEXA-Landesgruppe Saarland und arbeitet als PTA in einer öffentlichen Apotheke. Jäger: „Er hat bei uns stundenweise reingeschnuppert. Als allerdings klar wurde, dass er keine Chance auf die deutsche Approbation hat, warf er das Handtuch.“ Zurzeit werde versucht, ihm einen Ausbildungsplatz an einer PTA-Schule zu organisieren. „Außerdem arbeitet bei uns ein syrischer Apotheker als PhiP. Er ist allerdings kein Flüchtling, sondern seit vier Jahren in Deutschland.“

Viele Fachrichtungen im Ausland unbekannt

Experten warnen ebenfalls vor allzu großer Euphorie. „Es wird oft angesprochen, dass ein Drittel der nun ankommenden Flüchtlinge eine berufliche Qualifizierung mitbringt. Tatsächlich weiß es aber keiner“, sagt Ottmar Döring vom Nürnberger Forschungsinstitut Betriebliche Bildung gegenüber der Welt. Frühere Untersuchungen hätten einen Akademikeranteil von 15 Prozent ergeben. Lediglich ein Prozent würde später in Deutschland auch eine akademische Tätigkeit ausüben. Nicht alle Abschlüsse und Berufsbilder seien vergleichbar. Döring: „Es werden keine ausgebildeten Altenpfleger aus Syrien kommen. Diesen Beruf gibt es so im Ausland praktisch nicht.“ Auch PTA oder PKA sucht man unter den Flüchtlingen vergebens.

Hohe Hürden

Bleiben noch Apothekerinnen oder Apotheker, die hierzulande Schutz suchen. Ihnen stellt das deutsche Anerkennungsverfahren vergleichsweise hohe Hürden in den Weg, um Qualitätsstandards nicht aufzuweichen. Bei der Gleichwertigkeitsprüfung von Nicht-EU-Apothekerdiplomen untersucht die zuständige Behörde, ob wesentliche Unterschiede zur deutschen Ausbildung bestehen. Dazu gehören sowohl Inhalt als auch Dauer. Im besten Falle erhalten Bewerber einen positiven Bescheid.  

Findet die Behörde wesentliche Unterschiede, können Kolleginnen oder Kollegen eine Kenntnisprüfung in pharmazeutischer Praxis und in speziellen Rechtsgebieten für Apotheker ablegen. Eines der Fächer mit wesentlichem Unterschied zur deutschen Ausbildung kommt hinzu.

Damit nicht genug: Die Fachsprachenprüfung besteht aus einem simulierten Apotheker-Patienten-Gespräch, der Erstellung eines berufstypischen Schriftstücks sowie einem Fachgespräch mit einem anderen Health Professional. Werden alle Voraussetzungen erfüllt, erteilen Behörden die hiesige Approbation.

Michael van den Heuvel

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23. Mai 2016

Kommentar von Tanja Kratt: Flüchtlinge – Integration ist das A und O

Deutsche Behörden setzen auf hohe Qualitätsstandards im Gesundheitswesen. Sie prüfen deshalb sehr genau, ob eine Fachausbildung oder ein Studium aus anderen Ländern jenseits der EU die erforderlichen Voraussetzungen erfüllt. An diesen Voraussetzungen ist nicht zu rütteln. Dennoch sollten wir Flüchtlingen die Hand reichen. 

Auch wenn die Hürden, um in deutschen Apotheken Fuß zu fassen, für sie hoch sind, rät ADEXA, interessierten Menschen ein kurzes Praktikum anzubieten. Dazu gehört, alle Berufsbilder in öffentlichen Apotheken vorzustellen – und diese schmackhaft zu machen. Denn wer weiß: Vielleicht entscheidet sich die eine oder der andere für Berufsbilder wie PKA, PTA oder Apotheker/in.

Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen: Selbst ein kurzes Praktikum ist hilfreich, um Einblicke in die deutsche Arbeitswelt zu bekommen und um die Integration in unsere Gesellschaft zu fördern. Apotheken können hier einen entscheidenden Beitrag leisten, nicht zuletzt auch für das eigene positive Image.

Tanja Kratt
ADEXA – Die Apothekengewerkschaft
Zweite Vorsitzende