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28. November 2017

Gender Pay Gap: Gleichheit nur auf dem Papier - neue Studie zeigt Handlungsbedarf

Deutschland schneidet bei einer europäischen Studie zu Entgeltunterschieden von Frauen und Männern extrem schlecht ab. Dieser Gender Pay Gap ist politisch schon lange ein Thema. Den bisherigen Regierungen ist es nicht gelungen, das Problem zu lösen.  

Alarmierende Zahlen von der Europäischen Kommission: Wirtschaftsexperten zeigen, dass der Unterschied zwischen den Gehältern in Deutschland mit 22 Prozent extreme Maße annimmt. Das entspricht einem mageren Platz 26 im Feld von 28 Nationen. Noch schlechter schnitten lediglich Tschechien (22,5 Prozent) und Estland (26,9 Prozent) ab. Italien und Luxemburg kommen dagegen nur auf 5,5 Prozent Differenz.

Die Ergebnisse erstaunen nicht. Laut Statistischem Bundesamt betrug die durchschnittliche Lohnlücke im Jahr 2015 knapp 21 Prozent. Laut Hans-Böckler-Stiftung waren es in den letzten Jahren 22 bis 23 Prozent.

Ruf nach dem Gesetzgeber

Methodisch gibt es damit keinerlei Zweifel. Nur an der politischen Botschaft scheiden sich die Geister. EU-Gleichstellungskommissarin Vera Jourova drängt alle Mitgliedsstaaten, bis 2019 einen Aktionsplan umzusetzen. Dazu gehören neben dem garantierten Recht auf gleiche Bezahlung Möglichkeiten, um eine berufliche Auszeit zu nehmen. Außerdem will Jourova Projekte unterstützen, die sich mit Frauen in Führungspositionen befassen.

Die Bevölkerung steht hinter ihr. Laut Umfrageergebnissen aus dem Eurobarometer finden es 90 Prozent aller Europäer nicht akzeptabel, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Mehr als die Hälfte der Befragten fordern mehr Transparenz, was das Gehalt betrifft.

Genau das hat die letzte Bundesregierung mit ihrem Gesetz zur Lohngerechtigkeit eigentlich versucht. Seit Juli haben Angestellte seither die Möglichkeit zu erfahren, was ihre Kollegin oder ihr Kollege mit ähnlicher Tätigkeit erhält. Bis jetzt hat diese Regelung aber nicht zum durchschlagenden Erfolg geführt.

Während sich Gewerkschaften und gewerkschaftsnahe Organisationen hinter die Forderungen stellen, hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) Zweifel. „Die Annahme, bei der Lohnlücke handele es sich um Diskriminierung durch die Unternehmen, ist unsachgemäß“, sagt IW-Direktor Michael Hüther. Ausschlaggebend seien unter anderem Faktoren wie Branche und Betriebsgröße. Frauen würden eher in den niedrig entlohnten Bereichen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten. Männer seien häufiger im hoch entlohnten verarbeitenden Gewerbe zu finden. Der IW konstatiert außerdem, Frauen würden seltener Führungsaufgaben wahrnehmen und häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer.

Zahnlose Tiger

Genau hier beginnt sich die Diskussion im Kreis zu drehen. Frauen wählen häufiger als Männer Jobs im sozialen Bereich, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Deshalb entscheiden sie sich vielleicht auch eher gegen gut bezahlte, aber arbeitsintensive leitende Positionen.

„Führen in Teilzeit“ ist jenseits von Modellprojekten noch lange kein etabliertes Modell. Auch das Anrecht auf Kita-Plätze muss erst in der Realität ankommen. Was bringt die beste Betreuung, wenn sich Arbeitszeiten und Öffnungszeiten nicht decken. OECD-Daten zufolge sind zwar immer mehr Frauen in Deutschland berufstätig. Sie tragen aber weniger zum Haushaltseinkommen bei als in anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Tarifverträge können das Problem zumindest teilweise lösen, wie die Hans-Böckler-Stiftung schon vor einem Jahr herausfand. Bei Angestellten mit Tarifbindung war die Lücke zwar auch vorhanden, aber um sechs Prozentpunkte geringer als bei Kolleginnen oder Kollegen ohne entsprechende Bindung.

Michael van den Heuvel                                                                                              

Quellen: 

(1) Veronika Grimm, Julia Lang, Gesine Stephan: Tarifverträge und die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen: Empirische Evidenz aus Zerlegungsanalysen, Industrielle Beziehungen 3/2016

(2) Jörg Schmidt: Entgeltgleichheit – Die gesamtwirtschaftliche Perspektive – Welche Ursachen hat der Gender Pay Gap? http://t1p.de/a3c4

(3) Spiegel online: OECD-Ländervergleich. Warum Frauen in Deutschland so wenig verdienen: http://t1p.de/1vih

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28. November 2017

Für komplexe Aufgaben gibt es keine einfachen Lösungen: Kommentar von ADEXA-Vorstand Tanja Kratt

Seit Jahren berichten Medien über die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Besonders plakativ bringt es der Equal Pay Day auf den Punkt: Arbeitnehmerinnen müssten theoretisch 77 Tage länger arbeiten, um auf das gleiche Arbeitseinkommen wie männliche Beschäftigte zu kommen.

Warum Frauen weniger Verdienst auf ihrem Gehaltszettel finden, hat vielschichtige Gründe. Tatsache ist, dass immer noch Mütter den größten Teil der Kinderbetreuung übernehmen. Dazu ein paar Zahlen: Elterngeld wird maximal zwölf Monate lang entrichtet und um zwei „Partnermonate“ verlängert, falls beide Partner phasenweise zu Hause bleiben. Die sogenannte Väterbeteiligung beim Elterngeld betrug zuletzt 34,2 Prozent. Im Schnitt blieben Väter 3,3 Monate lang zu Hause.

Sind die Kinder aus dem Haus, kümmern sich Frauen vielleicht um kranke Eltern respektive Schwiegereltern. Diese Ausfallzeiten schaden ihrer Karriere und führen darüber hinaus zu einem hohen Risiko für Altersarmut.

Die Politik muss Mittel und Wege finden, um Karriere und Beruf zu verbinden. Für mich ist das Recht auf Kinderbetreuung ein guter Ansatz mit vielen Mängeln. Es gibt zu wenige Angebote bei gleichzeitig zu hohen Kosten. Auch das Pflegezeitgesetz geht in die richtige Richtung, bleibt aber von den Rahmenbedingungen her weit hinter realen Bedürfnissen zurück. Maximal für sechs Monate befristete Freistellungen reichen nicht aus. In Kleinbetrieben gibt es darüber hinaus keinen gesetzlichen Anspruch. 

Und nicht zuletzt sehe ich Arbeitgeber in der Pflicht, neue Wege zu gehen. Anstatt auf die ständige Präsenzkultur zu setzen, sollten Firmen Heimarbeitsplätze fördern. Das ist gerade bei Bürotätigkeiten ohne Probleme möglich.

In vielen Fällen wird es nicht ohne politischen Druck gehen. Das kann noch dauern. Nach dem Ende der „Jamaika“-Sondierungsgespräche stehen alle Zeichen wieder auf Start.

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