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26. Oktober 2018

Minijobs werden untertariflich bezahlt - Ergebnisse der ADEXA-Tarifumfrage 2018 (Teil 2)

Klar unterdurchschnittliche Gehälter bei Minijobbern ergab die Auswertung der ADEXA-Tarifumfrage 2018. Dabei gilt für Mitarbeiter in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen der Grundsatz der Gleichbehandlung mit vollzeitbeschäftigen Arbeitnehmern. Das betrifft nicht nur den Stundenlohn, sondern auch die Sonderzahlung!

Im Bundesgebiet (ohne Nordrhein und Sachsen) erhalten 450-Euro-Kräfte in Apotheken im Durchschnitt nur ca. 90 Prozent des Tarifgehalts, in Nordrhein sind es sogar nur 87 Prozent. Das hat die Auswertung der diesjährigen Befragung gezeigt.

Grundlage für die Berechnung sind die für dieses Gehalt geleisteten Stunden. Bei tarifgebundenen Arbeitsverhältnissen muss außerdem die Sonderzahlung in Höhe einen Bruttomonatstarifgehaltes mit eingerechnet werden, was in Apotheken häufig nicht der Fall ist. Einmal abgesehen davon, dass Minijobber keine oder nur sehr geringe Rentenanwartschaften aufbauen können, sollte bei ihnen aber zumindest die Arbeitszeit an das tarifliche Niveau angepasst sein.

Grundlage für eine konkrete Berechnung der pro Woche zu leistenden Stunden ist das individuelle Tarifgehalt. Ein Beispiel: Eine PTA im 6.-8. Berufsjahr erhält aktuell ein tarifliches Gehalt für eine 40-Stunden-Woche von 2.376 Euro (Tarifbereich ADA) – plus Sonderzahlung in gleicher Höhe, die anteilig auf jeden Monat umgelegt werden muss (= 2.574 Euro). Ihr Stundenlohn beträgt 14,88 Euro (2.574 Euro : 173 Std.). Bei einem Gehalt von 450 Euro müssten demnach maximal sieben Stunden pro Woche gearbeitet werden.

Zur Berechnung: 450 Euro geteilt durch 14,88 Euro entsprechen 30,2 Stunden pro Monat. Auf eine Woche berechnet bedeutet dies: 30,2 Stunden geteilt durch 4,33  = 6,97 Stunden (der durchschnittliche Monat hat 4,33 Wochen).

Wird zwischen Inhaber und Minijobber ein übertarifliches Gehalt ausgehandelt, wäre entsprechend ein höherer Stundenlohn anzusetzen. Ein Beispiel: Eine tarifgebundene Approbierte im 6.-7. Berufsjahr, mit Tarifgehalt von 3.739 Euro (Tarifbereich Nordrhein), die vor der Elternzeit 10 Prozent über Tarif plus Sonderzahlung erhielt, müsste bei einem 450-Euro-Job während der Elternzeit bei einem Stundenlohn von 25,58 Euro pro Woche 4,06 Stunden arbeiten.

Minijobber und Mindestlohn 

Ein Hinweis für Minijobber, die nicht zu den Apothekenberufen gehören, bzw. deren Arbeitgeber: Genau wie für andere Arbeitsverhältnisse gilt auch für Minijobs die Untergrenze des gesetzlichen Mindestlohns von derzeit 8,84 Euro pro Stunde. Im Jahr 2018 dürfen 450-Euro-Kräfte  pro Monat also höchstens 50,9 Stunden arbeiten.

In jedem Fall müssen bei Minijobs die Arbeitszeiten dokumentiert werden.

Gleichbehandlung gilt nicht nur in finanziellen Dingen

Abschließend sei noch einmal daran erinnert, dass Minijobs arbeitsrechtlich den Teilzeit- und Vollzeitarbeitsverhältnissen vollständig gleichgestellt sind. Das gilt also auch für den Urlaubsanspruch, die Entgeltfortzahlung bei Krankheit und an Feiertagen, Mutterschutz und Kündigungsschutz etc. Lediglich in steuerrechtlichen und sozialversicherungsrechtlichen Aspekten gelten Unterschiede.

Tanja Kratt
ADEXA-Vorstand und Leiterin der Tarifkommission

Mehr Infos zum Thema Minijob: www.minijob-zentrale.de

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26. Oktober 2018

Flexible Arbeitszeitmodelle zugunsten der Beschäftigten - Studie zum europäischen Dienstleistungssektor

Mehr Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten bei den Arbeitszeiten, das wünschen sich viele Arbeitnehmer. Wie das gehen kann und welche Vereinbarungen Gewerkschaften in 15 europäischen Ländern bisher durchsetzen konnten, zeigt eine Studie des Sozialwissenschaftlers Roland Schneider im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.

Durchschnittlich 36,3 Wochenstunden haben Beschäftigte in der EU im Jahr 2017 gearbeitet. 2008 waren es noch 30 Minuten mehr. Das liegt laut Schneider daran, dass die Teilzeitbeschäftigung wächst, vor allem bei Frauen. Bei den vollzeitbeschäftigten Männern im Dienstleistungsbereich hat es dagegen keinen wesentlichen Rückgang bei den Wochenstunden gegeben.

Was sich geändert hat, ist der Anteil atypischen Arbeitszeiten. Der traditionelle Achtstundentag und die Fünftagewoche sind auf dem Rückmarsch. Europaweit stieg der Anteil an Beschäftigen im Schichtdienst. In Deutschland arbeitet jeder Fünfte regelmäßig am Samstag und fast ein Viertel der Beschäftigten an Sonn- und Feiertagen. Auch in der Freizeit müssen immer mehr Arbeitnehmer häufig verfügbar sein:  Von 2011 bis 2017 stieg der Anteil von 27 auf 56 Prozent.  

Wunsch nach mehr Zeitsouveränität

Dienstleistungsgewerkschaften versuchen europaweit, ihre Mitglieder im Wunsch nach einem größeren Maß an Selbstbestimmung in der Arbeitszeit zu unterstützen. Ziel ist es, Beruf mit Privatleben und Weiterbildungsaktivitäten besser zu vereinbaren. Dabei geht es weniger um eine pauschale Senkung der Arbeitszeit für alle, sondern um mehr Zeitsouveränität für den Einzelnen je nach seiner Lebenssituation.

Eine Option, die sich in ersten Tarifverträgen in Deutschland wiederfindet, ist die Wahl zwischen einer Gehaltserhöhung und mehr Freizeit. Auch ein Anspruch auf unbezahlte Freistellung für die Pflege von Angehörigen oder eine Verlängerung der Elternzeit sind hier zu nennen.

Mehr Flexibilität für Beschäftigte kann auch ein Anspruch auf Telearbeit bieten. Andererseits droht dann die Gefahr, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sein sollen. Frankreich hat deshalb seit Anfang 2017 ein Recht auf Nichterreichbarkeit in der Freizeit festgelegt.

Bildungsteilzeit und Altersteilzeit sind weitere Bereiche, in denen Gewerkschaften den Beschäftigten mehr Mitgestaltungsoptionen verschaffen.

Was tut sich auf betrieblicher Ebene?

Tarifliche und gesetzliche Ansprüche sind das eine; das andere ist die Frage, ob diese Ansprüche auch genutzt werden. Und da hapert es noch vielfach, so der Autor. Das liege sowohl an Vorgesetzen, die nicht von ihrer Vorstellung vom männlichen, gerne und viel Überstunden leistenden Vollzeitmitarbeiter Abschied nähmen. Ein weiterer Grund, der einer größeren Flexibilität im Sinne der Beschäftigten entgegensteht, seien dünne Personaldecken. Hier sieht Schneider noch ein großes Arbeitsfeld für Gewerkschaften und Bedarf für aktive Betriebsräte.

Ein Blick auf den Apothekenbereich

ADEXA-Vorstand Andreas May zur Studie: „In Deutschland sind kleinere Betriebe von einer Reihe gesetzlicher Ansprüche ausgeschlossen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern sollen, zum Beispiel bei der Pflege- und Familienpflegezeit. Auch die geplante befristete Teilzeit soll erst ab einer Mitarbeiterzahl von 45 greifen. Angestellte in größeren Apotheken und Filialverbünden könnten aber schon profitieren. Das gesamte Thema Arbeitszeit ist auf jeden Fall für unsere Mitglieder von großer Bedeutung – und wir werden bei den kommenden Verhandlungen zum Bundesrahmentarifvertrag dazu Vorschläge und Forderungen im Gepäck haben.“

sjo

Quelle: Roland Schneider: Innovative Arbeitszeitpolitik im Dienstleistungssektor, Working Paper der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 91, September 2018; in: Böckler Impuls 16/2018

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