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28. April 2016

Interview mit dem ADEXA-Vorstand: Ist der Erste Mai für Arbeitnehmer noch wichtig?

Auch am 1. Mai 2016 wird es wieder diverse Veranstaltungen und Kundgebungen der großen Gewerkschaften zum Tag der Arbeit geben. Ist solch ein Feiertag eigentlich noch notwendig? Ein Interview mit den ADEXA-Vorständen Barbara Stücken-Neusetzer und Tanja Kratt:

Tanja Kratt und Barbara Stücken-Neusetzer

Deutschland hat den gesetzlichen Mindestlohn, ein im internationalen Vergleich gutes Arbeitsrecht, weitgehende Arbeitsschutzvorschriften. Könnte man den Ersten Mai als gesetzlichen Feiertag eigentlich abschaffen?

Barbara Stücken-Neusetzer: Zum Glück sind die Rahmenbedingungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hierzulande – zumindest im globalen Vergleich –wirklich recht gut. Wenn man sich dagegen innerhalb Europas umschaut, dann liegt Deutschland keineswegs immer auf den vorderen Rängen. Ein Beispiel ist der große Gender Pay Gap, das heißt der Abstand bei den Arbeitseinkommen von Frauen und Männern. Das liegt unter anderem an den niedrigen Gehältern in den Branchen, in denen Frauen vielfach tätig sind. Auch was die Altersvorsorge angeht, sind deutsche Arbeitnehmer wahrlich nicht gut aufgestellt, besonders in den weniger gut bezahlten Branchen und in Kleinbetrieben. Da ist für Gewerkschaften noch sehr viel zu tun.

Tanja Kratt: Auch die Tarifautonomie ist in Deutschland ja keineswegs in Stein gemeißelt. Das hat die Diskussion um die Streiks von Spartengewerkschaften wie der Lokführergewerkschaft GDL oder der Pilotenvereinigung Cockpit gezeigt. Wir haben jetzt das neue Tarifeinheitsgesetz, gegen das unter anderem der Marburger Bund und der Beamtenbund vor dem Verfassungsgericht klagen, weil es die Tarifrechte kleinerer Gewerkschaften beschneidet. Deshalb ist es gut, wenn die deutsche Gesellschaft, aber auch der Gesetzgeber am Ersten Mai an den notwendigen Einsatz der Gewerkschaften für faire Arbeitsbedingungen erinnert wird.

Bei ADEXA startet am Ersten Mai übrigens wieder die jährlich Maiaktion  für „Noch-nicht-Mitglieder“. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass sich Tarifbindung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in vieler Hinsicht lohnt – erst recht in der Kombination mit dem gewerkschaftlichen Rechtsschutz.

Was ist denn im Apothekenbereich besonders dringlich an Verbesserungen?

Stücken-Neusetzer: Die öffentlichen Apotheken stehen schon voll im demografisch bedingten Wettbewerb um Schulabgänger und den Berufsnachwuchs. Hier helfen nicht nur Imagekampagnen. Die Politik muss die Leistungen der Apotheken besser honorieren und die Apothekenleiter müssen davon unabhängig die Gehälter anheben, damit die Apothekenteams noch angemessen besetzt werden können. Wir haben jetzt neben den Pharmazieingenieuren, von denen es immer weniger gibt, auch regelmäßig PTA, die in Rente gehen. Wenn dann noch in einigen Kammerbezirken PTA-Schulen wegen der mangelhaften staatlichen Förderung schließen müssen und von den Apothekern selbst die PKA-Ausbildung vielerorts sträflich vernachlässigt wird, dann ist das Nachwuchsproblem eigentlich nicht mehr zu ignorieren.

Kratt: Aber leider sind die Arbeitgeber eben häufig genauso kurzsichtig wie die Politiker. Beispiel Sachsen:

Im Ergebnis leiden die MitarbeiterInnen unter schlechter Bezahlung mit den entsprechenden Konsequenzen für ihre Altersabsicherung. Gleichzeitig verschaffen sich sächsische Apothekenleiter gegenüber ihren Arbeitgeber-Kollegen, die sich an die Tarife halten, einen „unsauberen“ Wettbewerbsvorteil. Die eingesparten Gehaltszahlungen fließen nämlich direkt in die eigenen Taschen. Fairness sieht anders aus!  

Sehen Sie für Gewerkschaften auch Aufgaben mit Blick auf die Flüchtlinge in Deutschland?

Stücken-Neusetzer: Ja, große und kleine Gewerkschaften müssen es schaffen, dass Flüchtlinge und deutsche Arbeitnehmer nicht gegeneinander ausgespielt werden. In unserer alternden Gesellschaft stellen Migranten für die Wirtschaft eine Chance dar, wenn sie gefördert, ausgebildet und integriert werden. Gleichzeitig dürfen sich Langzeitarbeitslose und Beschäftigte im Niedriglohnbereich nicht abgehängt und vernachlässigt fühlen. Da müssen Betriebe, Gewerkschaften und Politik an einem Strang ziehen.

Fragen: Dr. Sigrid Joachimsthaler

 

Tag der Arbeit

Die Kundgebungen zum 1. Mai haben ihren Ursprung in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung:  Mit einem nationalen Generalstreik am 1. Mai 1886 sollte durchgesetzt werden, dass die Arbeitszeit von täglich zwölf auf acht Stunden gesenkt wird. Bei Massenstreiks und Demonstrationen wurden vier Arbeiter von Polizisten getötet, drei Tage später starben bei einer Protestkundgebung einige Polizisten durch eine Bombe, zahlreiche Demonstranten wurden verletzt. Einige der Streikorganisatoren wurden angeklagt und zum Tode verurteilt. Am 1. Mai 1890 wurde zur Erinnerung an diese Aufstände im Haymarket Square in Chicago zum ersten Mal international der „Kampftag der Arbeiterbewegung“ begangen.

In Deutschland und vielen anderen Ländern ist der 1. Mai ein gesetzlicher Feiertag. Ein Symbol ist die rote Nelke.

 

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